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Wissen10 min Lesezeit18. Oktober 2026

Mordzahlen in Costa Rica 2026: was die amtlichen OIJ-Daten zeigen

551 Tötungsdelikte bis September, ein Halbjahr fast ein Fünftel unter dem Vorjahr: die amtlichen OIJ-Daten zu Costa Rica 2026, eingeordnet für Auswanderer.

Harley Bieder
Von Harley Bieder, Lateinamerika-Experte, VidaLibrePlan

Costa Rica hat zwei Jahre mit sehr hohen Mordzahlen hinter sich, und viele Leser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fragen sich, ob das Land noch zu ihren Plänen passt. Für 2026 gibt es inzwischen belastbare amtliche Zahlen bis in den September hinein. Sie zeigen einen deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr, aber auch, wie ungleich die Gewalt über das Land verteilt ist und wie stark sie an ein bestimmtes Milieu gebunden bleibt.

Die Zahlen stammen vom Organismo de Investigación Judicial (OIJ), der Kriminalpolizei der costa-ricanischen Justiz. Ausgewertet und veröffentlicht werden sie vom Observatorio de la Violencia, der Beobachtungsstelle des Justiz- und Friedensministeriums. Die jüngste Ausgabe ist die Infografik „Ocurrencia de delitos enero-setiembre 2026“, Anfang Oktober online gestellt. Soweit nicht anders angegeben, beruhen alle Zahlen für 2026 darauf.

Die Kernzahlen für Januar bis September 2026

Von Januar bis September 2026 weist die Statistik 551 Opfer vorsätzlicher Tötung (homicidio doloso) aus. Nach Monaten verteilt sieht das so aus:

  • Januar 54, Februar 72, März 52
  • April 62, Mai 65, Juni 57
  • Juli 65, August 76, September 48
  • Der August war mit 76 Fällen der schwerste Monat des Jahres. Der niedrige Septemberwert ist mit Vorsicht zu lesen, weil der jeweils jüngste Monat in den Folgeausgaben noch steigt.

    Unter den 551 Opfern waren 466 Männer und 51 Frauen, bei 34 ist das Geschlecht nicht erfasst. Tötungsdelikte treffen in Costa Rica also ganz überwiegend Männer, wie in den Vorjahren auch.

    Der Vergleich mit 2025

    Für das ganze Jahr 2025 nennt die Jahresanalyse des Observatoriums 873 vorsätzliche Tötungen, ein Rückgang von 0,5 Prozent gegenüber 2024. Davon entfielen 443 auf das erste und 430 auf das zweite Halbjahr.

    Der sauberste Vergleich ist deshalb das erste Halbjahr. Nach dem aktuellen Datenstand kommt 2026 von Januar bis Juni auf 362 Fälle. Gegenüber 443 im ersten Halbjahr 2025 sind das 81 Tötungen weniger, ein Minus von gut 18 Prozent. Das ist ein spürbarer Rückgang, aber kein Absturz: Ein Halbjahr mit 362 Toten ist für ein Land mit Costa Ricas Ruf weiterhin ein hoher Wert, und der August hat gezeigt, dass einzelne Monate jederzeit wieder ausschlagen können.

    Wie das OIJ zählt und warum sich die Zahlen verschieben

    Wer die Zahlen über mehrere Monate verfolgt, merkt schnell: Der jeweils letzte Monat wird später nach oben korrigiert. Das lässt sich an den aufeinanderfolgenden Ausgaben direkt ablesen. In der Infografik für Januar bis Juni stand der Juni noch bei 43 Fällen. In der Ausgabe für Januar bis Juli waren es 55, in der September-Ausgabe 57. Der Juli stieg von 63 in der Juli-Ausgabe auf 65, der Mai von 63 in der Juni-Ausgabe über 64 im Juli auf 65.

    Gezählt werden die Opfer nach dem Monat, in dem die Tat geschah (mes de ocurrencia), und zwar aus den Verwaltungsregistern des OIJ. Jede neue Ausgabe bildet also einen Zwischenstand ab, und die früheren Ausgaben zeigen, dass der zuletzt erfasste Monat später noch Fälle dazubekommt. Der Septemberwert von 48 ist deshalb als vorläufig zu lesen.

    Dazu kommt ein zweiter Punkt: Zahlen mit einem anderen Stichtag oder aus einer anderen Auswertung müssen mit diesen Werten nicht deckungsgleich sein. Für den Vergleich über die Jahre ist es am sichersten, immer dieselbe Quelle mit demselben Stand nebeneinanderzulegen, so wie beim Halbjahresvergleich 2026 gegen 2025.

    Was das OIJ unter einer vorsätzlichen Tötung versteht, steht in der Analyse für das erste Tertial 2026: absichtlich zugefügte Verletzungen, die zum Tod eines anderen Menschen führen. Gezählt werden also nur vorsätzliche Taten.

    Die Motive: was hinter den Taten steckt

    Die aussagekräftigste Zahl für Auswanderer ist nicht die Gesamtsumme, sondern das Motiv. Das OIJ ordnet jede Tat einem „móvil“ zu. Für Januar bis September 2026 ergibt sich:

  • Ajuste de cuentas / venganza (Abrechnung, Rache): 367
  • Nicht bestimmt: 62
  • Streit oder Schlägerei: 60
  • Bei der Begehung eines anderen Delikts: 38
  • Bei der Abwehr einer Straftat: 9
  • Häusliche Gewalt: 7
  • Femizid: 6
  • Auftragstat (profesional): 2
  • Zwei Drittel aller Tötungen fallen damit in die Kategorie Abrechnung und Rache. Das ist die Gewalt zwischen kriminellen Gruppen und innerhalb dieser Gruppen. Schon im ersten Tertial lag der Anteil laut Observatorium bei 61 Prozent. Für 2025 hält die Jahresanalyse fest, dass „ajuste de cuentas“ das häufigste Motiv war und dass auch die Opfer, die nur zufällig getroffen wurden (víctimas colaterales), zu 82 Prozent aus solchen Taten stammen. 2025 gab es 85 solcher Unbeteiligten.

    Das ist der Punkt, an dem du die Statistik ehrlich lesen musst. Die große Mehrheit der Toten hat mit Milieukonflikten zu tun, und Menschen außerhalb dieses Milieus sind statistisch weit seltener betroffen. Null ist das Risiko aber nicht: Wer bei einer Schießerei in der Nähe ist, kann zum Opfer werden, ohne mit irgendetwas zu tun zu haben.

    Interessant ist auch die Herkunft der Opfer. Im ersten Tertial 2026 waren laut Observatorium 83 Prozent Costa-Ricaner und 11 Prozent Menschen anderer Nationalität. Wie viele davon Touristen oder Zuzügler aus Europa waren, weist die Statistik nicht aus.

    Wo die Gewalt stattfindet

    Für die Wohnortwahl ist die regionale Verteilung entscheidend. Die Provinzaufteilung für 2026 liegt bisher für das erste Tertial vor, also Januar bis April mit 228 Fällen. Danach entfielen

  • 29 Prozent auf San José,
  • 24 Prozent auf Limón,
  • 17 Prozent auf Puntarenas,
  • 12 Prozent auf Cartago,
  • 10 Prozent auf Alajuela,
  • 5 Prozent auf Guanacaste und
  • 4 Prozent auf Heredia.
  • Limón an der Karibikküste trägt damit fast ein Viertel aller Tötungen. Auch Cartago fällt auf: Die Provinz östlich der Hauptstadt liegt mit 12 Prozent vor Alajuela. Im Atlas für das erste Halbjahr erreichen auch die Stadtdistrikte Oriental (4,33) und Occidental (2,92) von Cartago spürbare Raten. 2025 konzentrierten sich laut Jahresanalyse 595 der 873 Fälle, also 68 Prozent, auf San José, Puntarenas und Limón.

    Die Distrikte: wo Zuzügler oft leben

    Noch genauer wird es im Atlas für das erste Halbjahr 2026. Sein statistischer Anhang weist für jeden Distrikt eine Rate je 10.000 Einwohner aus, berechnet aus den OIJ-Daten und den Bevölkerungsprojektionen des Statistikamts INEC für 2026. Die Werte gelten für sechs Monate. Ein paar Beispiele aus Gegenden, die bei Zuzüglern beliebt sind:

    Zentraltal, Westen von San José: Der Distrikt Escazú kam auf 0,77, San Rafael de Escazú auf 0,34, San Antonio de Escazú auf 0,00. Im Kanton Santa Ana lag der zentrale Distrikt bei 1,63, Pozos bei 0,48, Piedades, Brasil, Salitral und Uruca bei 0,00. In allen acht Distrikten des Kantons Atenas stand im Halbjahr eine Null, ebenso im Distrikt Grecia.

    Guanacaste-Küste: Tamarindo und Nosara meldeten 0,00, Sámara 1,93, Tempate 1,45, Cabo Velas 4,19.

    Zentraler und südlicher Pazifik: Jacó lag bei 2,02, Quepos bei 2,22. Die Distrikte Savegre (Kanton Quepos) und Bahía Ballena (Kanton Osa) an der südlichen Pazifikküste hatten 0,00.

    Karibik: Der Distrikt Cahuita im Kanton Talamanca kam auf 1,32, der zentrale Distrikt Limón auf 5,31.

    Zum Vergleich die höchsten Werte: Desmonte im Kanton San Mateo erreichte 23,49, der Innenstadtdistrikt Carmen in San José 10,99, Cuajiniquil im Kanton Santa Cruz 10,07 und Bahía Drake im Kanton Osa 8,76. Der zentrale Distrikt Limón lag mit 5,31 ebenfalls in der Spitzengruppe.

    Zwei Dinge musst du bei diesen Zahlen im Kopf behalten. Erstens sind die Fallzahlen in kleinen Distrikten winzig. Ein einziger Fall kann eine Rate von null auf einen Spitzenwert heben, und ein ruhiges Halbjahr sagt wenig über das nächste. Das zeigt die Jahresanalyse 2025: Damals zählte das Observatorium Bahía Ballena, Cabo Velas, Nosara, Sámara, Tamarindo, Tempate und Quepos zu den Distrikten mit hoher oder sehr hoher Rate. Im ersten Halbjahr 2026 standen Tamarindo, Nosara und Bahía Ballena bei null. Beides stimmt, und beides zeigt, wie stark Küstenorte mit wenigen Einwohnern schwanken.

    Zweitens beziehen sich die Raten auf die projizierte Wohnbevölkerung, nicht auf Touristen und Saisongäste. In Badeorten mit vielen Besuchern sagt eine Rate pro Einwohner deshalb nur begrenzt etwas über das Risiko pro anwesendem Menschen. Umgekehrt sagen die absoluten Zahlen mehr über die großen Brennpunkte: 2025 hatte der zentrale Distrikt Limón mit 63 Fällen die meisten Tötungen aller Distrikte mit hoher Rate, gefolgt von Chacarita in Puntarenas mit 21 und Quepos mit 19. Unter den Distrikten mit mittlerer Rate lagen Pavas (39) und Hatillo (34) im Kanton San José sowie San Felipe im Kanton Alajuelita (23) vorn.

    Was die Außenministerien raten

    Die Statistik ist das eine, die Einschätzung der Heimatländer das andere. Das Auswärtige Amt schreibt in seinen seit dem 14. August 2026 unverändert gültigen Hinweisen, die Kriminalitätsrate sei niedriger als in den Nachbarländern, aber nicht zu ignorieren. Mordrate und Gewaltkriminalität seien landesweit gestiegen, vor allem wegen organisierter Kriminalität und Drogenhandels; Reisende seien bisher nicht betroffen gewesen. Als Gegenden mit besonders hoher Gewaltkriminalität nennt es die Hafenstadt Puntarenas und die Karibikküste um Moín und Limón. Auch in Touristenorten wie Cahuita und Puerto Viejo könnten Diebstähle und bewaffnete Raubüberfälle vorkommen. Für das Zentrum von San José rät es, die Gegend nach Einbruch der Dunkelheit zu meiden.

    Das österreichische Außenministerium führt Costa Rica in seiner Reiseinformation, unverändert gültig seit dem 4. September 2026, mit Sicherheitsstufe 2 für das ganze Land. In San José und den Hafenstädten Limón und Puntarenas habe sich die Lage in den letzten Jahren deutlich verschlechtert, Besitz und Einsatz von Schusswaffen seien stark gestiegen. Besondere Vorsicht verlangt das BMEIA unter anderem zwischen Jacó und Quepos, an den Stränden im Westen und Nordwesten und auf den Zufahrtsstraßen zum Flughafen, und es rät, sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht an Stränden aufzuhalten.

    Die Schweiz veröffentlicht eigene Reisehinweise des EDA für Costa Rica. Wer aus der Schweiz kommt, sollte sie vor dem Umzug selbst lesen, denn jedes der drei Ministerien formuliert anders und aktualisiert zu einem anderen Zeitpunkt.

    Was die Zahlen für deinen Alltag bedeuten

    Die Daten zeichnen ein klares Muster. Die schwere Gewalt in Costa Rica ist zu einem großen Teil Gewalt zwischen kriminellen Gruppen, sie konzentriert sich auf einige Hafenstädte, Teile der Hauptstadt und einzelne Küstenorte, und sie ist 2026 bisher deutlich zurückgegangen. Die Distrikte im Westen des Zentraltals, in denen viele Zuzügler leben, lagen im ersten Halbjahr bei null oder bei niedrigen Werten.

    Für deinen Alltag ist die Mordstatistik deshalb meist nicht der wichtigste Faktor. Die Hinweise der Außenministerien drehen sich vor allem um Diebstahl, Autoaufbrüche und Raub, und genau dort lohnt die Vorsicht am meisten: keine Wertsachen im geparkten Auto, kein Widerstand bei einem Überfall, nachts keine einsamen Strände, Geldautomaten bei Tageslicht. Wie sich die Sicherheitslage über die Kriminalität hinaus darstellt, mit Erdbeben, Regenzeit und Meeresströmungen, steht in unserem Überblick zur Sicherheit in Costa Rica.

    Wenn du den Umzug planst: Mach die Wahl des Distrikts zu einem Teil deiner Sicherheitsentscheidung, und schau dir dafür nicht nur ein einziges Halbjahr an. Der Atlas des Observatoriums erscheint regelmäßig, die Raten je Distrikt lassen sich im Anhang selbst nachschlagen. Was ein Leben dort kostet, zeigen die Lebenshaltungskosten in Costa Rica, die grundsätzlichen Vor- und Nachteile des Landes der Beitrag zum Auswandern nach Costa Rica.

    Wenn du als Rentner kommst: Viele Ruheständler suchen gezielt ruhige Orte im Zentraltal oder an der Küste. Die Zahlen stützen diese Wahl für weite Teile des Zentraltals. Für Küstenorte lohnt der Blick auf mehrere Jahre, weil dort einzelne Fälle die Raten stark bewegen. Mehr zum Ruhestand im Land steht in Costa Rica für Rentner.

    Wenn du Länder vergleichst: Achte darauf, ob du Jahreswerte, Halbjahreswerte oder Raten vor dir hast, und auf welchen Datenstand sie sich beziehen. Wie eine solche amtliche Halbjahresbilanz in einem anderen Land aussieht, zeigt unsere Auswertung der Kriminalitätszahlen aus Uruguay.

    Wann die nächsten Zahlen kommen

    Das Observatorium legt seine Auswertungen in kurzen Abständen vor: Infografiken für mehrere Monate, eine Analyse für das erste Tertial, einen Atlas für das Halbjahr und eine Jahresanalyse. Die Jahresanalyse für 2025 trägt das Datum Februar 2026, der Atlas für das ganze Jahr 2025 folgte im Frühjahr. Nach diesem Muster sind die vollständigen Zahlen für 2026 in den ersten Monaten des kommenden Jahres zu erwarten.

    Bis dahin gilt: Die Richtung stimmt, 2026 liegt bisher spürbar unter dem Vorjahr. Ob das Jahr am Ende deutlich unter den 873 Tötungen von 2025 bleibt, entscheidet sich im letzten Quartal. Und der jüngste Monat in jeder neuen Ausgabe wird in den Folgeausgaben noch nach oben korrigiert.