Chile senkt die Unternehmenssteuer, befreit ältere Eigentümer von der Grundsteuer auf ihr Zuhause und öffnet ein Fenster, in dem nicht erklärtes Auslandsvermögen gegen eine Pauschalsteuer legalisiert werden kann. Das alles steckt in einem einzigen Gesetz, das in Chile als „Megarreforma“ bekannt ist und offiziell „para la reconstrucción nacional y el desarrollo económico y social“ heißt. Der Kongress hat es Anfang August beschlossen, das Verfassungsgericht hat seine Prüfung am 2. Oktober abgeschlossen.
Was viele Berichte verschweigen: Ein Gesetz mit Nummer ist es noch nicht. Fast alle Fristen hängen am Tag der Veröffentlichung im Diario Oficial, und den gab es bis zum 12. Oktober nicht. Wer in Chile lebt, eine chilenische Firma hält oder dort eine Wohnung besitzt, sollte deshalb genau wissen, was feststeht und was erst mit der Verkündung zu laufen beginnt. Einen Überblick über das Land insgesamt bietet unsere Länderseite Chile.
Wo das Gesetz steht
Der Entwurf trägt die Boletín-Nummer 18.216-05. Die Regierung hat ihn am 22. April 2026 als Mensaje in der Abgeordnetenkammer eingebracht. Der Gesetzgebungsdatensatz des Senats zeigt den ganzen Weg: zweite Lesung im Senat im Juli, Vermittlungsausschuss, am 4. August 2026 die Zustimmung beider Kammern und das „Oficio de ley al Ejecutivo“. Am 5. August legte der Präsident Einwände vor, die beide Kammern bis zum 12. August annahmen.
Danach lag das Projekt beim Tribunal Constitucional. Drei Verfahren liefen parallel. Gruppen von Abgeordneten und Senatoren griffen einzelne Normen an, das Gericht strich daraufhin unter anderem Teile zur Aquakultur, zum Umweltrecht und zu Investorenverträgen. Die Regierung selbst hatte ebenfalls einen Artikel angefochten; diese Klage wies das Gericht im Verfahren Rol 17.892-26 ab. Schließlich die Pflichtprüfung: Im Verfahren Rol 17.917-26-CPR entschied das Gericht mit Urteil vom 2. Oktober 2026, dass drei Gruppen von Vorschriften verfassungswidrig sind und gestrichen werden müssen:
Die Steuerregeln, um die es für Privatleute geht, waren davon nicht betroffen. Mit dem Oficio Nº 21.625 vom 5. Oktober hat die Abgeordnetenkammer dem Präsidenten den bereinigten Text übermittelt, mit dem Satz, es obliege ihm nun, das Gesetz zu promulgieren. Der Senatsdatensatz verbucht diesen Schritt am 8. und 9. Oktober.
Stand 12. Oktober: Der Datensatz führt das Projekt in der Etapa „Trámite de aprobación presidencial“, die Felder für Gesetzesnummer und Diario Oficial sind leer, und in den Ausgaben des Diario Oficial bis zu diesem Tag ist das Gesetz nicht erschienen. Beschlossen und vom Verfassungsgericht geprüft also, aber noch nicht verkündet. Rechtlich gilt in Chile bis zur Veröffentlichung das bisherige Recht.
Unternehmenssteuer: von 27 auf 23 Prozent
Die chilenische Körperschaftsteuer heißt Impuesto de Primera Categoría. Für Firmen im allgemeinen Regime (Artikel 14 Buchstabe A der Ley sobre Impuesto a la Renta) liegt sie heute bei 27 Prozent. Der Reformtext ändert Artikel 20 so, dass dort dauerhaft ein einheitlicher Satz von 23 Prozent steht. Der Weg dorthin ist im sechsten Übergangsartikel gestaffelt:
Für Firmen im Pro-Pyme-Regime für kleine und mittlere Unternehmen gelten daneben die Übergangssätze aus Artikel 25 des Gesetzes 21.755, auf die der Reformtext ausdrücklich verweist. Die monatlichen Vorauszahlungen werden in den Monaten Januar bis März 2027, 2028 und 2029 nach festen Prozentsätzen abgesenkt, damit die Firmen nicht nach dem alten Satz vorauszahlen.
Wieder voll integriert: was Gesellschafter davon haben
Für Inhaber einer chilenischen Firma ist der zweite Teil wichtiger als der Steuersatz selbst. Chile besteuert Gewinne zweistufig: Die Firma zahlt die Primera Categoría, der Gesellschafter zahlt bei Ausschüttung seine persönliche Steuer und rechnet die Firmensteuer an. Im allgemeinen Regime gilt heute eine Rückgabepflicht (restitución): Wer den Firmensteuer-Kredit nutzt, muss nach Artikel 56 Nummer 3 und Artikel 63 des Einkommensteuergesetzes 35 Prozent davon wieder abgeben.
Der Reformtext streicht diese Rückgabepflicht in den Artikeln 14, 56, 63 und 74. Laut fünftem Übergangsartikel tritt das zum 1. Januar 2027 in Kraft, aber mit einer Rampe: Für Kredite aus dem Steuerjahr 2028 beträgt die Rückgabe noch 30 Prozent, für Kredite aus dem Steuerjahr 2029 noch 20 Prozent. Erst danach ist das System wieder vollständig integriert, die Firmensteuer also voll auf die Steuer des Gesellschafters anrechenbar.
Hier gibt es einen Punkt, der gerade Deutsche betrifft. Nach geltendem Artikel 63 entfällt die Rückgabepflicht schon heute für Gesellschafter, die in einem Land wohnen, mit dem Chile ein Doppelbesteuerungsabkommen in Kraft hat, sofern das Abkommen die Anrechnung der Firmensteuer auf die Quellensteuer vorsieht. Diese Ausnahme bleibt in der Übergangszeit ausdrücklich erhalten. Für Österreicher und Schweizer mit chilenischer Beteiligung ändert sich deshalb an dieser Stelle weniger. Wer dagegen in Deutschland wohnt und Gewinne aus Chile bezieht, zahlt die volle Quellensteuer (Impuesto Adicional, nach Artikel 58 grundsätzlich 35 Prozent) und trägt heute die Rückgabepflicht. Für diese Gruppe bringt die Reintegration den größten Effekt.
Die Doppelbesteuerungsfrage für Deutschland, Österreich und die Schweiz
Ob du von einer Senkung in Chile tatsächlich etwas hast, hängt davon ab, was dein Heimatland danach noch verlangt.
Deutschland hat mit Chile kein Doppelbesteuerungsabkommen für Einkommen und Vermögen. Der Stand der Abkommen zum 1. Januar 2026 des Bundesfinanzministeriums führt Chile nur unter „Künftige Abkommen und laufende Verhandlungen“ als neues Abkommen im Verhandlungsstadium, daneben eine alte Regelung für Luftfahrtunternehmen. Auch die Übersicht des chilenischen Steuerdienstes SII nennt Deutschland nur bei den Abkommen zu See- und Luftverkehr. Bleibst du in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig, zählt die chilenische Steuer nur über die Anrechnung nach § 34c EStG, und die greift nach ihrem Wortlaut nicht für Kapitalerträge, die der Abgeltungsteuer unterliegen.
Österreich hat ein Abkommen mit Chile, laut DBA-Liste des österreichischen Finanzministeriums unterzeichnet am 6. Dezember 2012, in Kraft seit 9. September 2015 und anwendbar ab 2016. Die Schweiz hat ebenfalls eines; der SII führt es mit Anwendung ab 1. Januar 2011.
Wie der Wohnsitzwechsel aus allen drei Ländern steuerlich abläuft, vom Wegzug bis zur Ansässigkeit in Chile, steht ausführlich in unserem Leitfaden zur Aufenthaltsgenehmigung in Chile.
Das Drei-Jahres-Fenster bleibt unverändert
Für Neuankömmlinge ist die wichtigste Regel nicht Teil der Reform und bleibt, wie sie ist. Artikel 3 des Einkommensteuergesetzes bestimmt: Ein Ausländer, der in Chile Wohnsitz oder Residenz begründet, ist in den ersten drei Jahren ab seiner Einreise nur mit seinen Einkünften aus chilenischen Quellen steuerpflichtig. Der Director Regional kann diese Frist „en casos calificados“ verlängern. Danach gilt das Welteinkommensprinzip.
Als residente gilt nach Artikel 8 Nummer 8 des Código Tributario, wer sich innerhalb eines beliebigen Zwölfmonatszeitraums insgesamt mehr als 183 Tage in Chile aufhält. Die Reform ändert an diesem Rahmen nichts. Wie sich das Fenster im Vergleich mit Uruguay und Ecuador schlägt, zeigt unser Vergleich der Steuerferien.
Steueramnestie für Auslandsvermögen
Der dritte Übergangsartikel öffnet ein freiwilliges, außerordentliches Erklärungsverfahren für Vermögen und Einkünfte im Ausland. Es betrifft Steuerpflichtige mit Wohnsitz oder Residenz in Chile, die Auslandsvermögen oder dessen Erträge in Chile hätten versteuern müssen und das nicht getan haben. Die Eckpunkte laut Text:
Für Auswanderer in den ersten drei Jahren ist das Verfahren meist kein Thema, weil ausländische Einkünfte in dieser Zeit ohnehin nicht in Chile steuerpflichtig sind. Interessant wird es für alle, die schon länger als drei Jahre in Chile leben und Konten, Depots oder Firmen in Europa nie oder unvollständig in Chile erklärt haben. Bedenke: Das Verfahren regelt nur die chilenische Seite. Ob dein Heimatland für dieselben Werte noch etwas verlangt, entscheidet dessen Recht.
Was Immobilienbesitzer und Käufer betrifft
Grundsteuer: Befreiung ab 65 für die eigene Wohnung
Der Reformtext ergänzt die Befreiungsliste des Grundsteuergesetzes 17.235 um einen neuen Buchstaben F: Natürliche Personen ab 65 Jahren zahlen auf ihre vivienda principal, also die selbst bewohnte Hauptwohnung, keine Contribuciones mehr. Eine Staatsangehörigkeit verlangt der Text nicht. Die Bedingungen:
Wer falsche Angaben macht, zahlt 300 Prozent der hinterzogenen Steuer und verliert die Befreiung für zehn Jahre. Gelten soll sie laut achtem Übergangsartikel ab dem 1. Januar des Jahres nach der Veröffentlichung. Wird das Gesetz noch 2026 verkündet, also ab 2027. Das Verfassungsgericht hat nur die Ausgleichsregeln für die Gemeinden gestrichen, nicht die Befreiung selbst.
Mehrwertsteuerbefreiung beim Kauf neuer Wohnungen
Der vierte Übergangsartikel befreit für ein Jahr den Erstverkauf neuer Wohnungen von der Mehrwertsteuer, unabhängig von Wert und Größe. Voraussetzung: Die Bauabnahme (recepción definitiva) muss vor der Veröffentlichung des Gesetzes erteilt sein. Das Jahr beginnt am ersten Werktag des zweiten Monats nach der Veröffentlichung. Für Kaufverträge seit Einbringung des Entwurfs im April gibt es eine Rückerstattungsregel, wenn die Kaufurkunde die Befreiung ausdrücklich erwähnt.
Pauschalsteuer von 5 Prozent auf Mieteinnahmen
Wer ab der dritten sogenannten vivienda económica mit bis zu 90 Quadratmetern Wohnfläche vermietet, kann ab dem 1. Januar 2027 eine Einmalsteuer von 5 Prozent auf die Bruttomiete wählen. Wer innerhalb von zwölf Monaten nach Veröffentlichung eine neue vivienda económica bis 140 Quadratmeter kauft, kann für diese Wohnung ebenfalls in das Regime wechseln. Was beim Kauf als Ausländer sonst zu beachten ist, steht in unserem Ratgeber zum Immobilienkauf in Chile.
Schenkungen, Börsengewinne und alte Gewinnrücklagen
Schenkungsteuer: Der erste Übergangsartikel gewährt jedem Schenker einmalig 50 Prozent Rabatt auf die Schenkungsteuer nach Gesetz 16.271. Die Schenkung muss per öffentlicher Urkunde innerhalb eines Jahres ab dem ersten Tag des zweiten Monats nach Veröffentlichung erfolgen, an Pflichtteilsberechtigte, und zusammen höchstens die Hälfte des Nettovermögens umfassen.
Aktiengewinne: Gewinne aus dem Verkauf börsengehandelter Wertpapiere, die unter Artikel 107 fallen, sollen ab dem 1. Januar 2027 nicht mehr der heutigen Einmalsteuer von 10 Prozent unterliegen, sondern als nicht steuerbares Einkommen gelten.
Alte Rücklagen: Firmen mit Altbeständen im Fondo de Utilidades Reinvertidas oder im Saldo Total de Utilidades Tributables können diese innerhalb von acht Monaten nach Veröffentlichung mit einer Ersatzsteuer von 10 Prozent abgelten.
Für Großinvestoren ab 50 Millionen US-Dollar führt Artikel 26 außerdem eine Steuerstabilität von 10 bis 20 Jahren ein. Für die meisten Auswanderer spielt das keine Rolle.
Was erst mit der Verkündung gilt
Fast jede Frist hängt an der Veröffentlichung im Diario Oficial. Die allgemeine Regel des neunten Übergangsartikels: Inkrafttreten am ersten Tag des Monats nach der Veröffentlichung, soweit nichts anderes bestimmt ist. Die übrigen Startpunkte im Überblick:
| Maßnahme | Beginn laut Text |
|---|---|
| Steuersatz 25,5 / 24 / 23 Prozent | Geschäftsjahre 2027, 2028, 2029 |
| Wegfall der Rückgabepflicht | 1.1.2027, Rampe 30 / 20 Prozent bis Steuerjahr 2029 |
| Grundsteuerbefreiung ab 65 | 1. Januar nach Veröffentlichung |
| Erklärungsverfahren Auslandsvermögen | 1. Tag des 3. Monats nach Veröffentlichung, 12 Monate |
| Mehrwertsteuerbefreiung Neubau | 1. Werktag des 2. Monats nach Veröffentlichung, 1 Jahr |
| Schenkungsteuer minus 50 Prozent | 1. Tag des 2. Monats nach Veröffentlichung, 1 Jahr |
| Ersatzsteuer auf Altrücklagen | 8 Monate ab Veröffentlichung |
| 5-Prozent-Mietsteuer, Aktiengewinne | 1.1.2027 |
Bevor du eine Schenkung beurkundest, eine Neubauwohnung kaufst oder Auslandsvermögen erklärst, prüfe deshalb im Diario Oficial, ob und wann das Gesetz erschienen ist, und welche Resoluciones der SII dazu erlassen hat. Der Text verpflichtet den Steuerdienst bei mehreren Punkten ausdrücklich zu Ausführungsbestimmungen, beim Erklärungsverfahren etwa zu einer Resolución innerhalb von drei Monaten.
Wie sich das Leben in Chile abseits der Steuern anfühlt, von Kosten bis Visum, beschreibt unser Grundlagenartikel zum Auswandern nach Chile.

