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Wissen10 min Lesezeit1. November 2026

Mordzahlen in Chile 2026: was der amtliche Halbjahresbericht zeigt

472 Tötungsopfer im ersten Halbjahr 2026, der niedrigste Wert seit 2021, aber mehr Taten durch Unbekannte: Chiles amtliche Zahlen, eingeordnet für Auswanderer.

Harley Bieder
Von Harley Bieder, Lateinamerika-Experte, VidaLibrePlan

Chile gilt als eines der sichersten Länder Südamerikas, und doch hat sich das Sicherheitsgefühl im Land in den letzten Jahren spürbar verändert. Wer einen Umzug plant, will wissen, ob sich das in den harten Zahlen zeigt. Die amtliche Antwort für 2026 liegt seit September vor: Chile hat im ersten Halbjahr so wenige Tötungsopfer gezählt wie seit 2021 nicht mehr, und die Zahl sinkt im vierten Jahr in Folge. Hinter dem Rückgang steckt allerdings eine Verschiebung, die für Zuzügler interessant ist.

Die Zahlen stammen aus dem Informe Nacional de Víctimas de Homicidios Consumados, Primer Semestre 2026. Herausgeber ist das Centro para la Prevención de Homicidios y Delitos Violentos, eine Stelle der Subsecretaría de Prevención del Delito im Ministerium für öffentliche Sicherheit. Der Bericht führt die Register von Polizei, Staatsanwaltschaft und weiteren Behörden zu einer einzigen, von der Staatsanwaltschaft validierten Opferzahl zusammen. Gezählt werden Menschen, nicht Polizeiakten, und nur vollendete Tötungen. Soweit nicht anders angegeben, beruhen alle Zahlen für 2026 auf diesem Bericht.

Die Kernzahlen für das erste Halbjahr 2026

Von Januar bis Juni 2026 zählte Chile 472 Opfer vollendeter Tötungsdelikte. Das entspricht 2,3 Opfern je 100.000 Einwohner im Halbjahr. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 513 Opfer und eine Rate von 2,6. Das sind 41 Tote weniger, die Rate sank um 11,5 Prozent.

Der Bericht stellt die ersten Halbjahre seit 2018 nebeneinander. Danach lag der Höhepunkt 2022 mit 660 Opfern, seitdem ging es jedes Jahr zurück: 633 im Jahr 2023, 586 im Jahr 2024, 513 im Jahr 2025 und jetzt 472. Gegenüber 2022 ist die Rate damit um ein knappes Drittel gesunken. Vor der Pandemie lag sie allerdings noch tiefer: 2018 und 2019 zählte Chile im ersten Halbjahr 425 und 415 Opfer.

Nach Monaten:

  • Januar 85, Februar 76, März 91
  • April 78, Mai 75, Juni 67
  • Jeder einzelne Monat lag unter dem Durchschnitt desselben Monats der Jahre 2018 bis 2025, am deutlichsten Januar und Juni.

    Warum diese Zahl von Polizeimeldungen abweichen kann

    Wer in chilenischen Medien andere Zahlen liest, sollte auf die Quelle achten. Der Bericht erklärt seinen Ansatz ausdrücklich: Er zählt Opfer, nicht Fälle. Polizeistatistiken beruhen auf Ermittlungsakten, und eine Akte kann im Lauf des Strafverfahrens anders eingestuft werden oder mehrere Opfer umfassen. Das Zentrum gleicht die Register deshalb zwischen den Behörden ab, entfernt Doppelzählungen und lässt das Ergebnis von der Staatsanwaltschaft prüfen, zusätzlich abgeglichen mit dem Standesamtsregister und der Gefängnisverwaltung. Die Raten berechnet es mit den amtlichen Bevölkerungsprojektionen des Statistikamts INE. Diese Zahl ist damit die offizielle Referenz, auch wenn sie später erscheint als die laufenden Polizeimeldungen.

    Für das ganze Jahr 2025 weist der Jahresbericht 2025 1.091 Opfer aus, eine Rate von 5,4 je 100.000 Einwohner. 2024 waren es 1.209. Verläuft das zweite Halbjahr 2026 ähnlich wie das erste, landet Chile 2026 unter der Zahl des Vorjahres.

    Wo die Gewalt stattfindet

    Fast zwei Drittel aller Opfer, 65,5 Prozent, starben in drei Regionen: in der Región Metropolitana rund um Santiago (218), in Valparaíso (53) und im Biobío (38). Alle drei meldeten weniger Opfer als im Vorjahr.

    Als Rate sieht das Bild anders aus. Über dem Landesschnitt von 2,3 lagen sechs Regionen: Tarapacá (3,4), Arica y Parinacota (3,0), Coquimbo (2,7), die Región Metropolitana und Valparaíso (je 2,6) sowie O'Higgins (2,4). Elf der sechzehn Regionen meldeten einen Rückgang. Deutlich gestiegen ist die Rate dagegen in Tarapacá (von 1,9 auf 3,4), Coquimbo (von 1,9 auf 2,7) und O'Higgins (von 1,8 auf 2,4), leicht auch im Maule und in Ñuble.

    Für Zuzügler, die in den Süden wollen, sind die Werte niedrig: Los Lagos lag bei 1,5, Los Ríos bei 1,9, La Araucanía bei 1,5, Aysén und Atacama bei je 0,9, Magallanes bei 1,1.

    Die Gemeinden, in denen Zuzügler oft leben

    Der Bericht listet am Ende alle Gemeinden (comunas), in denen es im ersten Halbjahr mindestens ein Opfer gab. Gemeinden, die nicht auf der Liste stehen, hatten in diesem Zeitraum keines. Einige Beispiele:

    Großraum Santiago, Osten: Las Condes 2, Lo Barnechea 1, Ñuñoa 1. Providencia und Vitacura stehen nicht auf der Liste, hatten also im ersten Halbjahr kein Opfer.

    Großraum Santiago, Brennpunkte: die Gemeinde Santiago (Zentrum) und Puente Alto mit je 17, La Pintana mit 15, Maipú und Recoleta mit je 13.

    Küste von Valparaíso: Viña del Mar 6, Valparaíso 14, Quilpué 3, Concón nicht auf der Liste.

    Norte Chico: La Serena und Coquimbo mit je 10.

    Seengebiet und Süden: Puerto Varas 1, Puerto Montt 2, Valdivia 5, Osorno 4, Temuco 9. Frutillar und Pucón stehen nicht auf der Liste.

    Diese Zahlen sind klein, und ein einzelner Fall verändert das Bild einer Gemeinde sofort. Sie zeigen aber eine klare Struktur: Die Gemeinden im Osten von Santiago und die Orte im Seengebiet, in denen viele Ausländer leben, haben wenige oder keine Tötungen, während sich die Gewalt in einigen Gemeinden im Süden und Westen der Hauptstadt und im Zentrum konzentriert.

    Die Verschiebung hinter dem Rückgang

    Der interessanteste Teil des Berichts betrifft die Umstände der Taten. Die Statistik ordnet jedes Opfer einem Kontext zu, angelehnt an die Klassifikation der Vereinten Nationen.

    Im ersten Halbjahr 2026 stand zum ersten Mal seit Jahren der Kontext „Verbrechen und organisierte Gruppen“ an der Spitze, mit 41,3 Prozent aller Opfer. Die Zahl stieg von 165 auf 195. Die Tötungen im persönlichen Umfeld, also Streit, Partnerschaft und Familie, gingen dagegen von 202 auf 185 zurück und machen 39,2 Prozent aus. Der Bericht nennt das ausdrücklich einen Bruch mit dem Muster der Jahre 2022 bis 2025, in denen das persönliche Umfeld überwog.

    Innerhalb der Kategorie Verbrechen fällt ein Wert besonders auf: Der Anteil der Opfer, die von Unbekannten ohne erkennbaren Anlass angegriffen wurden, stieg von 16,4 auf 22,2 Prozent. Das ist der höchste Wert der ganzen Reihe seit 2018. Dazu kommen 7,8 Prozent, bei denen der Täter selbst bei seiner Tat ums Leben kam.

    Auch das Tatmittel hat sich verschoben. 48,9 Prozent der Opfer starben durch Schusswaffen, ein Anstieg um 2,9 Prozentpunkte nach drei Jahren mit sinkendem Anteil. 36 Prozent starben durch Stich- oder Schnittwaffen. 62,9 Prozent der Taten geschahen auf der Straße, 21,8 Prozent in Wohnungen.

    Zu den Opfern selbst: 90 Prozent waren Männer, knapp zwei Drittel waren zwischen 18 und 39 Jahre alt. Gut die Hälfte (50,4 Prozent) hatte Vorstrafen. 82 Opfer, also 17,4 Prozent, hatten eine ausländische Staatsangehörigkeit, nach 13,3 Prozent im Vorjahr. Ob darunter Zuzügler aus Europa waren, lässt sich aus den Kennzahlen des Berichts nicht ablesen.

    Für deine Einschätzung heißt das: Die Gesamtzahl sinkt, aber der Anteil der Taten, die mit Kriminalität und Schusswaffen zu tun haben und Fremde treffen können, ist gestiegen. Ein niedrigeres Niveau ist nicht dasselbe wie ein gleichbleibendes Risikoprofil.

    Was die Außenministerien raten

    Das Auswärtige Amt schreibt in seinen seit dem 20. Oktober 2026 unverändert gültigen Hinweisen, Kleinkriminalität wie Taschendiebstahl und Handtaschenraub komme vor allem im Zentrum von Santiago, am Flughafen und in touristischen Orten wie Valparaíso, Viña del Mar, Calama und San Pedro de Atacama vor, in letzter Zeit vermehrt mit Gewalt. Es warnt vor K.-o.-Tropfen, Ablenkungstricks, Telefonbetrug, Einbrüchen in Mietwagen und Überfällen auf wartende Autos an Kreuzungen. Spaziergänge bei Dunkelheit und Besuche ärmerer Viertel ohne ortskundige Begleitung solle man meiden.

    Das österreichische Außenministerium führt Chile in seiner Reiseinformation, unverändert gültig seit dem 4. September 2026, mit Sicherheitsstufe 2 für das ganze Land. Im Großraum Santiago, in Valparaíso und Viña del Mar komme es immer wieder zu Raubüberfällen und anderen gewaltsamen Übergriffen. Für die Regionen Araucanía, Biobío, Los Ríos und Los Lagos beschreibt das BMEIA eine angespannte Lage mit Gewaltakten und Brandanschlägen radikaler Gruppen, vor allem gegen die Holzindustrie, und rät, Demonstrationen und Überlandfahrten bei Dunkelheit zu meiden. Im Norden an der Grenze zu Peru warnt es vor nicht geräumten Minenfeldern abseits befestigter Wege.

    Für Leser aus der Schweiz gibt das EDA eigene Reisehinweise für Chile heraus. Die drei Ministerien formulieren und aktualisieren unabhängig voneinander.

    Bemerkenswert ist der Hinweis zum Süden: Die Mordraten in Los Lagos und Los Ríos sind niedrig, trotzdem nennt das BMEIA dort eine angespannte Lage. Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Die Hinweise beschreiben vor allem Brandanschläge und Straßensperren, also Risiken, die in einer Mordstatistik kaum auftauchen.

    Was die Zahlen für deinen Alltag bedeuten

    Chile bleibt im Vergleich der Region ein Land mit niedriger Mordrate, und die Zahlen bewegen sich seit 2022 in die richtige Richtung. Für deinen Alltag wichtiger ist die Verteilung: Die bei Zuzüglern beliebten Gemeinden im Osten von Santiago und im Seengebiet hatten im ersten Halbjahr kaum oder keine Tötungen.

    Wenn du nach Santiago ziehst: Die Wahl der Gemeinde ist deine wichtigste Sicherheitsentscheidung. Die Unterschiede zwischen den Gemeinden im Osten und einigen im Süden und Westen der Stadt sind groß. Im Alltag sind Diebstahl, Raub und Autoaufbrüche das, worauf du achten musst, und genau darauf zielen die Hinweise der Außenministerien. Mehr zur Sicherheitslage über die Kriminalität hinaus, von Erdbeben bis Tsunamis, steht in unserem Überblick zur Sicherheit in Chile.

    Wenn du in den Süden willst: Das Seengebiet um Puerto Varas zeigt niedrige Zahlen. Wer aufs Land zieht, sollte sich zusätzlich die Lage in der Araucanía und in angrenzenden Gebieten genau anschauen, wo das BMEIA vor Anschlägen im Umfeld der Holzwirtschaft und vor Straßensperren warnt. Was ein Umzug nach Chile kostet und welche Visa es gibt, erklärt unser Beitrag zum Auswandern nach Chile.

    Wenn du Länder vergleichst: Achte darauf, ob du Halbjahres- oder Jahresraten vor dir hast. Die 2,3 je 100.000 gelten für sechs Monate. Wie Chile im direkten Vergleich mit seinem Nachbarn abschneidet, zeigt der Beitrag Uruguay oder Chile, eine amtliche Auswertung aus Mittelamerika unsere Analyse der Mordzahlen in Costa Rica. Die Eckdaten zu Steuern und Aufenthalt stehen auf der Länderseite Chile.

    Wann die nächsten Zahlen kommen

    Das Centro para la Prevención de Homicidios veröffentlicht einen Bericht pro Halbjahr und einen Jahresbericht. Der Jahresbericht für 2025 wurde im März 2026 online gestellt, der Halbjahresbericht für 2026 im September. Nach diesem Rhythmus sind die vollständigen Zahlen für 2026 im Frühjahr 2027 zu erwarten. Auf der Seite des Zentrums steht außerdem die Datenbank mit allen Opfern seit 2018 zum Herunterladen bereit, für alle, die selbst nachrechnen wollen.