Uruguay gilt vielen als das ruhigste Land Südamerikas, und für die meisten Auswanderer stimmt dieses Bild im Alltag auch. Trotzdem ist „uruguay kriminalität“ eine der häufigsten Suchen, mit denen Leser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf das Land schauen. Seit Juli gibt es dafür frische amtliche Zahlen: Das Innenministerium hat seinen Halbjahresbericht zur Kriminalität für Januar bis Juni 2026 veröffentlicht. Er zeigt ein gemischtes Bild. Die Morde sind gestiegen, fast alles andere ist gesunken.
Die Zahlen stammen aus dem Boletín Semestral de Estadísticas Criminales, den die neue Statistikabteilung des Ministeriums (Área de Estadística y Criminología Aplicada, kurz AECA) am 20. Juli 2026 vorgelegt hat. Die vollständige Fassung mit allen Tabellen steht als PDF des Ministeriums bereit. Soweit nicht anders angegeben, beruhen alle Uruguay-Zahlen auf diesen beiden Quellen.
Die Kernzahlen des ersten Halbjahres
Zuerst das Wichtigste auf einen Blick, jeweils erstes Halbjahr 2026 gegen erstes Halbjahr 2025:
Die Richtung ist also klar gespalten. Bei den Delikten, die Ausländer im Alltag am ehesten treffen, bei Diebstahl, Raub und Autodiebstahl, geht es abwärts. Bei der schwersten Form der Gewalt geht es aufwärts.
Wie die 195 Morde einzuordnen sind
195 Morde in sechs Monaten sind für Uruguay der höchste Wert eines ersten Halbjahres seit 2018. Damals waren es 224. Dazwischen lagen die ersten Halbjahre zwischen 136 (2021) und 191 (2023). Das Ministerium selbst ordnet das Plus vorsichtig ein: Die Morde bewegten sich weiter in dem Band relativer Stabilität, das seit 2022 zu beobachten sei. Beides stimmt gleichzeitig. Ein dramatischer Ausreißer ist das Halbjahr nicht, eine Entwarnung aber auch nicht.
Auffällig ist der Verlauf innerhalb des Halbjahres. Der Anstieg konzentrierte sich laut Ministerium auf April, Mai und Juni. Das passt zu dem, was das Auswärtige Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für Uruguay festhält: Seit April 2026 komme es im Zuge von Auseinandersetzungen im Drogenmilieu vermehrt zu Tötungsdelikten, vor allem in bestimmten Randvierteln Montevideos.
Zur Einordnung über das ganze Jahr: Für 2025 weist der Bericht 375 Morde und eine Rate von 10,8 je 100.000 Einwohner aus. Diese Zahl liegt etwas höher als frühere Angaben, und das hat einen methodischen Grund: eine neue Bevölkerungsschätzung.
Wo die Gewalt stattfindet
Für dich als Auswanderer ist die Landesstatistik weniger wichtig als die Frage, wo die Taten passieren. Und hier ist der Bericht sehr deutlich.
Montevideo und Canelones zusammen zählen 144 der 188 Morde, die der Bericht nach Departamentos aufschlüsselt (ohne Taten in Gefängnissen), also gut drei Viertel. Montevideo allein kommt auf 114 (Vorjahr 103), das angrenzende Departamento Canelones auf 30 (Vorjahr 17). Der Anstieg des Landes geht damit fast vollständig auf diese beiden Departamentos zurück.
Andere Landesteile zeigen ein ganz anderes Bild. In Rivera und Durazno gingen die Zahlen deutlich zurück, in mehreren Departamentos gab es im Halbjahr null bis drei Fälle. Colonia, wo viele Zuzügler aus dem deutschsprachigen Raum leben, verzeichnete 3 Morde. Maldonado mit Punta del Este kam auf 12 (Vorjahr 8). Bei so kleinen Fallzahlen warnt das Ministerium selbst davor, Prozentveränderungen zu ernst zu nehmen: Ein oder zwei Fälle mehr ergeben schnell ein großes Prozentplus.
Montevideo nach Polizeibezirken
Der Bericht schlüsselt Montevideo sogar nach den 25 Polizeibezirken (seccionales) auf. Das Ergebnis ist eine starke Konzentration: Die vier Bezirke 16, 17, 18 und 24 zählen zusammen 64 der 114 Morde der Hauptstadt, mehr als die Hälfte. In mehreren anderen Bezirken gab es im ganzen Halbjahr keinen oder einen einzigen Fall.
Welche Straßen zu welchem Bezirk gehören, weist der Bericht nicht aus, und eine Zuordnung aus dem Kopf wäre unseriös. Die Behörden der Heimatländer nennen die Viertel dagegen beim Namen. Das Auswärtige Amt rät, eine Reihe nördlicher und westlicher Viertel Montevideos, darunter Villa del Cerro, Casavalle, Cerro Norte und Marconi, auch tagsüber zu meiden. Zugleich weist es auf eine Entwicklung hin, die Zuzügler direkt betrifft: Bewaffnete Raubüberfälle auf Restaurants in besseren Wohngegenden Montevideos nehmen zu, und zu den kritischen Gegenden zählt es ausdrücklich auch die gehobeneren Ausgehviertel Punta Carretas, Pocitos und Carrasco, vor allem außerhalb der Geschäftszeiten.
Das österreichische Außenministerium stuft Uruguay in seiner Reiseinformation mit Sicherheitsstufe 2 von 4 ein und nennt den Großraum Montevideo als Schwerpunkt der Kriminalität, mahnt aber auch in Punta del Este und Umgebung zur Vorsicht. Die Schweiz veröffentlicht eigene Reisehinweise des EDA. Wer aus der Schweiz kommt, sollte dort vor dem Umzug nachlesen, denn die drei Außenministerien formulieren unterschiedlich, und jede Fassung hat ihren eigenen Stand.
Was die Zahlen für deinen Alltag bedeuten
Für die meisten Auswanderer ist nicht der Mord das realistische Risiko, sondern Diebstahl und Raub. Und genau diese Delikte sind im ersten Halbjahr gesunken. Diebstähle lagen um 7,5 Prozent unter dem Vorjahr, Raubüberfälle um rund 4 Prozent, Fahrzeugdiebstähle um 8,3 Prozent. Die Zahl der Diebstahlsanzeigen ist damit die niedrigste eines ersten Halbjahres in der Vergleichsreihe des Berichts, die 2015, 2020, 2024, 2025 und 2026 nebeneinanderstellt.
Das Mordgeschehen dagegen ist in Uruguay stark mit dem Drogenmilieu verbunden und räumlich eng begrenzt. Die Konzentration auf wenige Bezirke zeigt, dass es sich nicht gleichmäßig über das Land oder die Stadt verteilt. Wer in einem ruhigen Viertel wohnt, das Nachtleben mit Augenmaß nutzt und keine Kontakte in dieses Milieu hat, lebt in einer anderen statistischen Welt als die Bezirke, die den Durchschnitt nach oben ziehen.
Ein Punkt verdient trotzdem Aufmerksamkeit: Auch die Zahl der Verletzten durch Schüsse stieg, auf 640 nach 596 im Vorjahreshalbjahr, ein Plus von 7,4 Prozent. Zusammen mit den Morden ist das der Teil der Statistik, der die Ruhe im Alltag nicht berührt, das Gesamtbild aber ernster macht, als es der Ruf des Landes vermuten lässt.
Betrug wächst weiter
Die einzige Kategorie bei den Eigentumsdelikten, die gestiegen ist, sind Betrug und Internetbetrug. Mit 14.035 Anzeigen im Halbjahr sind sie nach Diebstahl und häuslicher Gewalt inzwischen die drittgrößte Gruppe im Bericht. Im Vergleich zu 2015, als im ersten Halbjahr 930 Fälle angezeigt wurden, hat sich die Zahl vervielfacht. Für Zuzügler, die neue Bankkonten eröffnen, erstmals Online-Überweisungen in Pesos machen und die lokalen Gepflogenheiten noch nicht kennen, ist das der Bereich, in dem Vorsicht am meisten bringt. Gib am Telefon keine Zugangsdaten heraus, auch wenn der Anrufer sich als deine Bank ausgibt, und bestätige keine Überweisung, die du nicht selbst angestoßen hast.
Ein methodischer Hinweis: warum sich ältere Raten verschieben
Ab dieser Ausgabe rechnet das Ministerium seine Raten mit den neuen Bevölkerungsschätzungen des nationalen Statistikinstituts INE, die auf dem Zensus 2023 beruhen. Bisher lag die Revision von 2013 zugrunde. Die neue Reihe schätzt die Bevölkerung für die Jahre bis etwa 2017 etwas höher und für die Jahre danach etwas niedriger ein.
Die Folge: Die Mordrate für 2025 steigt rechnerisch von 10,4 auf 10,8 je 100.000 Einwohner, ohne dass ein einziger Fall dazugekommen ist. Wer ältere Artikel, Rankings oder Vergleiche liest, sollte das im Kopf haben. Unterschiede von wenigen Zehnteln können schlicht aus der Methode stammen, nicht aus der Wirklichkeit. Der Bericht zeigt deshalb in seinen Jahrestabellen beide Reihen nebeneinander.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, den das Ministerium selbst betont: Die Statistik bildet ab, was der Polizei bekannt wird, durch Anzeigen oder eigene Ermittlungen. Bei Diebstahl und Betrug liegt die tatsächliche Zahl in jedem Land höher als die angezeigte. Für den Vergleich über die Jahre ist die Reihe trotzdem das beste verfügbare Instrument, weil sie nach gleichen Regeln gezählt wird.
Wie sich Uruguay damit im Vergleich schlägt
Mit einer Mordrate von 10,8 für 2025 liegt Uruguay deutlich über dem, was Leser aus Mitteleuropa gewohnt sind, und auch über Chile, für das die dortige Regierung in ihrem amtlichen Jahresbericht für 2025 eine Rate von 5,4 ausweist. Dass Uruguay in Rankings wie unserem Ranking der sichersten Länder Südamerikas trotzdem weit oben steht, hat Gründe jenseits der Mordrate: Solche Vergleiche gewichten auch politische Stabilität, Institutionen und die Frage, wie verlässlich der Staat im Alltag funktioniert. Für dein tägliches Leben entscheiden diese Faktoren oft mehr als eine einzelne Kennzahl.
Wie sich das in der Praxis anfühlt, mit Stadtvierteln, dem Anschlag auf die oberste Staatsanwältin und der Rolle des Drogenhandels, steht ausführlich in unserem Realitätscheck zur Sicherheit in Uruguay. Die neuen Halbjahreszahlen ändern an dessen Grundaussage nichts, sie schärfen sie: Die Gewalt ist real, sie ist konzentriert, und sie trifft Menschen außerhalb dieses Milieus selten.
Was du jetzt konkret tun kannst
Wenn du schon in Uruguay lebst: Schau dir die Hinweise deines Außenministeriums zu deinem Viertel an und passe Gewohnheiten an, wo sie zu den genannten Mustern passen. Die Zunahme bewaffneter Überfälle auf Restaurants in besseren Vierteln betrifft auch Zuzügler, die sich in Pocitos oder Carrasco sicher fühlen. Setze beim Bezahlen und Überweisen auf Routinen, die Betrugsversuche ins Leere laufen lassen.
Wenn du den Umzug planst: Mach die Wahl des Wohnorts zur Sicherheitsentscheidung. Die Zahlen zeigen, dass Montevideo und Canelones den Großteil der schweren Gewalt tragen, während Departamentos wie Colonia, Flores oder Lavalleja im Halbjahr kaum oder gar keine Fälle zählten. Welche Orte Zuzügler aus dem deutschsprachigen Raum bevorzugen, von Nueva Helvecia bis zu den Küstenorten, zeigt unser Beitrag über Deutsche in Uruguay. Kosten, Voraussetzungen und Haken des Umzugs fasst der Uruguay-Guide zusammen, den Weg zur Residenz der Beitrag zur Aufenthaltsgenehmigung in Uruguay.
Wenn du Zahlen vergleichst: Achte auf den Stand und die Methode. Eine Rate von 10,4 und eine von 10,8 für dasselbe Jahr widersprechen sich nicht, sie beruhen auf unterschiedlichen Bevölkerungsschätzungen. Und Halbjahreswerte lassen sich nicht einfach verdoppeln: Die zweite Jahreshälfte war in Uruguay in manchen Jahren ruhiger, in anderen unruhiger als die erste.
Wann die nächsten Zahlen kommen
Das Ministerium veröffentlicht seine Kriminalstatistik inzwischen in einem festen Rhythmus, mit Halbjahresberichten wie diesem und Jahresberichten. Die Daten für das erste Halbjahr wurden für Morde am 7. Juli und für die übrigen Delikte am 6. Juli 2026 abgeschlossen. Laut Bericht können die jüngsten Zahlen in späteren Ausgaben noch leicht angepasst werden, etwa wenn Ermittlungen die Einordnung einer Tat ändern. Die Tendenzen ändern sich dadurch in der Regel nicht.
Für die Frage, ob Uruguay für dich das richtige Land ist, bleibt die Sicherheitslage ein Baustein unter mehreren. Die neuen Zahlen geben dir dafür eine ehrliche Grundlage: weniger Alltagskriminalität als im Vorjahr, mehr tödliche Gewalt in einem eng umrissenen Milieu, und eine Statistik, die transparent genug ist, um sie selbst nachzulesen.

