In gut einer Woche wählt Brasilien. Am Sonntag, dem 4. Oktober 2026, bestimmen die Brasilianer an einem Tag den Präsidenten, die Gouverneure aller Bundesstaaten, zwei Drittel des Senats und die Abgeordneten im Bund und in den Ländern. Wo niemand im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht, folgt am 25. Oktober eine Stichwahl. So steht es im Wahlkalender, den das Oberste Wahlgericht TSE mit der Resolution 23.760 vom 2. März 2026 festgelegt hat.
Für dich als Auswanderer, der in Brasilien lebt oder dorthin ziehen will, stellen sich drei Fragen: Darfst du mitwählen? Was ändert sich im Alltag rund um den Wahltag? Und was kann eine neue Regierung an den Regeln ändern, die für dich zählen, also Steuern und Aufenthalt? Die Antworten sind nüchterner, als die Schlagzeilen der nächsten Wochen vermuten lassen. Prognosen über den Ausgang gehören nicht dazu, die Regeln schon.
Was gewählt wird
Das TSE listet die Ämter in seiner Übersicht zu den Ämtern so auf:
Präsident und Gouverneure werden nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt: Gewählt ist im ersten Wahlgang, wer mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen erreicht, leere und ungültige Stimmzettel zählen nicht mit. Sonst treten die beiden Bestplatzierten in der Stichwahl an. Beim Senat reicht die einfache Mehrheit, jeder Wähler hat diesmal zwei Stimmen. Die Abgeordneten werden nach Verhältniswahlrecht bestimmt, so das TSE in seiner Erläuterung der Wahlsysteme.
Die Dimension: 158,7 Millionen Wahlberechtigte, darunter 918.876 Brasilianer im Ausland. Gewählt wird in 517.206 Wahllokalen in 5.571 Gemeinden und 186 Städten im Ausland. Das meldet das TSE in seiner Statistik vom 4. September.
Darfst du mitwählen?
Als Ausländer: nein. Die Verfassung sagt in Artikel 14 Absatz 2 klar, dass sich Ausländer nicht als Wähler registrieren lassen können. Das TSE bestätigt in seiner Rechtsprechungssammlung zur Wählerregistrierung, dass die Registrierung nur Ausländern und Wehrpflichtigen während des Wehrdiensts verwehrt ist. Daran ändert auch eine permanente Residenz nichts.
Eine Ausnahme gibt es: Portugiesen, die in Brasilien den Status der Rechtsgleichheit erlangt haben. Sie müssen diesen Status bei der Registrierung nachweisen. Für Deutsche, Österreicher und Schweizer ohne portugiesischen Pass spielt das keine Rolle.
Anders sieht es aus, wenn du Brasilianer geworden bist. Wer eingebürgert ist oder die brasilianische Staatsangehörigkeit etwa über einen Elternteil besitzt, hat nicht nur das Recht, sondern ab 18 die Pflicht zu wählen. Freiwillig ist die Wahl nach Artikel 14 der Verfassung nur für 16- und 17-Jährige, für Menschen ab 70 und für Analphabeten. Wer nicht wählt, kann sein Fernbleiben entschuldigen: für den ersten Wahlgang bis zum 3. Dezember 2026, für eine Stichwahl bis zum 8. Januar 2027, so der TSE-Kalender. Wie du zur brasilianischen Staatsbürgerschaft kommst und was sie mit sich bringt, steht in unserem Guide zur brasilianischen Staatsbürgerschaft.
Wer jetzt erst eingebürgert wurde, kommt für diese Wahl allerdings zu spät. Das Wählerverzeichnis ist seit dem 7. Mai 2026 geschlossen und öffnet laut Kalender erst am 3. November wieder.
Was rund um den Wahltag gilt
Gewählt wird am 4. Oktober von 8 bis 17 Uhr, einheitlich nach der Zeit von Brasília im ganzen Land. In Bundesstaaten mit anderer Zeitzone öffnen und schließen die Wahllokale also zu anderen Ortszeiten. Die Wahl findet an einem Sonntag statt, und für die Tage davor und danach nennt der TSE-Kalender einige Sonderregeln:
Für den Alltag als Ausländer bedeutet das vor allem: Rechne am Wahlsonntag mit viel Betrieb rund um die Wahllokale und plane Behördengänge nicht auf die Tage direkt vor und nach dem Termin. Kommt es zu Stichwahlen, wiederholt sich das am 25. Oktober.
Der Kalender bis Januar
Zwischen Wahltag und Amtsantritt liegen gut drei Monate. Der TSE-Kalender gibt die Stationen vor:
Bis zum Amtsantritt regiert die bisherige Regierung. Wer auf Änderungen durch eine neue Regierung wartet, wartet also mindestens bis Januar, und für Gesetze kommt danach der Weg durch den neu zusammengesetzten Kongress hinzu.
Steuern: was eine neue Regierung ändern kann und wie schnell
Das ist die Frage, die Zuzügler am meisten umtreibt. Die Antwort liegt in der Verfassung, und sie gilt unabhängig davon, wer gewinnt.
Steuern entstehen durch Gesetz. Nach Artikel 150 darf keine Steuer ohne Gesetz eingeführt oder erhöht werden. Ein Präsident allein kann die Einkommensteuer also nicht dauerhaft erhöhen, er braucht den Kongress, der am selben Tag mitgewählt wird. Auch der Umweg über eine Medida Provisória, eine Notverordnung mit Gesetzeskraft, hilft ihm nur begrenzt: Erhöht sie eine Steuer wie die Einkommensteuer, wirkt sie nach Artikel 62 Absatz 2 erst im folgenden Jahr, und nur, wenn der Kongress sie bis zum Ende des Jahres, in dem sie erlassen wurde, in ein Gesetz umwandelt.
Neue oder höhere Steuern gelten nicht im selben Jahr. Artikel 150 verbietet, eine Steuer in dem Haushaltsjahr zu erheben, in dem das Gesetz veröffentlicht wurde, das sie einführt oder erhöht. Für die Einkommensteuer gilt dieses Jährlichkeitsprinzip, die zusätzliche Wartefrist von 90 Tagen dagegen nicht, so Absatz 1 desselben Artikels. Praktisch heißt das: Eine Erhöhung der Einkommensteuer, die die neue Regierung 2027 durch den Kongress bringt, kann frühestens ab dem 1. Januar 2028 greifen. Einige Abgaben wie Import- und Exportzölle und die Finanztransaktionssteuer IOF sind von diesen Fristen ausgenommen. Und die Fristen schützen dich nur vor neuen oder höheren Steuern, so der Wortlaut. Für Senkungen gelten sie nicht, die können schneller kommen.
Das geltende Recht für 2026 steht. Die Einkommensteuerreform, das Gesetz 15.270 vom 26. November 2025, gilt für 2026: Seit Januar wird ein monatliches steuerpflichtiges Einkommen bis 5.000 Reais so weit entlastet, dass keine Steuer anfällt, und das Gesetz führt eine Mindestbesteuerung für Menschen mit hohen Einkommen ein. Wer 2026 in Brasilien steuerpflichtig ist, rechnet für dieses Jahr mit diesen Regeln, egal wie die Wahl ausgeht. Was die Reform im Einzelnen für Zuzügler bedeutet, erklärt unser Beitrag zu den Steuern in Brasilien nach der Einkommensteuerreform. Was Brasilien insgesamt an Steuern erhebt, steht auf der Seite zu Steuern in Brasilien im Steueratlas.
Und das Heimatland?
An der Frage, ob du zusätzlich zu Hause Steuern zahlst, ändert die Wahl nichts. Deutschland hat mit Brasilien kein Doppelbesteuerungsabkommen für Einkommen, nur ein Sonderabkommen über Schifffahrt, das zeigt die Übersicht des Bundesfinanzministeriums. Ein erstmaliges Abkommen führt dieselbe Liste als in Verhandlung, in Kraft ist es nicht. Österreich hat eines, seit 1976 in Kraft laut DBA-Liste des Finanzministeriums. Die Schweiz hat eines von 2018, in Kraft seit März 2021 und anwendbar seit 2022, laut Liste des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen. Für Leser aus Deutschland bleibt die fehlende Abkommensgrundlage der wichtigste Planungspunkt, unabhängig vom Wahlergebnis.
Aufenthalt und Visa: wo Gesetz endet und Verordnung beginnt
Die Grundlage für Aufenthaltstitel ist das Migrationsgesetz, das Gesetz 13.445 von 2017. Artikel 30 zählt auf, wofür eine Residenz erteilt werden kann: unter anderem Forschung und Lehre, Gesundheitsbehandlung, Studium, Arbeit, Investition oder wirtschaftlich relevante Tätigkeit und Familienzusammenführung. Dazu kommen Fälle wie ein Arbeitsangebot oder ein Vertrag über Aufenthalt und Freizügigkeit.
Der entscheidende Satz steht am Ende der Liste: Eine Residenz kann auch in „anderen Fällen, die durch Verordnung definiert werden", erteilt werden. Das bedeutet zweierlei. Was im Gesetz steht, kann nur der Kongress ändern. Was die Regierung per Verordnung ergänzt, kann eine Regierung per Verordnung auch wieder anpassen. Einen eigenen Zweck für Rentner nennt die Liste in Artikel 30 zum Beispiel nicht. Titel, die nicht im Gesetz stehen, beruhen deshalb auf Regelungen unterhalb des Gesetzes, und bei solchen Regelungen hängen Einkommensschwellen und Verfahren in der Regel nicht am Kongress.
Stabil ist dagegen, was das Gesetz selbst ausschließt. Nach Artikel 30 Absatz 1 wird keine Residenz an Personen erteilt, die in Brasilien oder im Ausland rechtskräftig verurteilt wurden, sofern die Tat auch nach brasilianischem Recht strafbar ist. Ausnahmen nennt das Gesetz selbst. Ein sauberes Führungszeugnis bleibt also Pflicht, wer auch immer regiert.
Welche Aufenthaltstitel es derzeit gibt und was sie verlangen, steht in unserem Beitrag zur Aufenthaltsgenehmigung in Brasilien. Wer einen Antrag plant, sollte ihn nicht wegen der Wahl verschieben: Das neue Kabinett ist erst ab Januar im Amt, und Änderungen an Verordnungen brauchen danach ihre eigene Zeit.
Was du jetzt tun solltest
Wenn du in Brasilien lebst: Plane die Wahlsonntage wie Feiertage, meide Behördengänge rund um den 4. und gegebenenfalls den 25. Oktober und verfolge die Ergebnisse über die offiziellen Kanäle des TSE. Das Gericht bietet selbst eine Möglichkeit an, Falschinformationen zur Wahl zu melden.
Wenn du Doppelstaatler bist: Prüfe, ob du im Wählerverzeichnis stehst, wo dein Wahllokal liegt, und wie du dich entschuldigst, falls du am 4. Oktober nicht vor Ort bist. Für den ersten Wahlgang hast du dafür bis zum 3. Dezember Zeit, für eine Stichwahl bis zum 8. Januar 2027.
Wenn du den Umzug planst: Richte deine Steuerplanung auf das geltende Recht aus. Selbst eine Einkommensteuererhöhung, die 2027 beschlossen würde, könnte nach der Verfassung frühestens 2028 wirken. Für den Aufenthalt gilt: Was im Gesetz steht, ist stabiler als das, was in Verordnungen steht.
Einen breiteren Blick auf das Leben in Brasilien, mit Kosten, Visa und Nachteilen, gibt unser Brasilien-Guide, eine ehrliche Abwägung der Realitätscheck Brasilien. Die Eckdaten zu Pass und Residenz stehen auf der Länderseite Brasilien.
Eine Wahl verändert die Richtung eines Landes. Die Regeln, nach denen Steuern steigen und Aufenthaltstitel entstehen, verändert sie nicht über Nacht. Wer diese Regeln kennt, kann die nächsten Wochen gelassen verfolgen, egal wie die Stimmen am Ende verteilt sind.

