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Wissen10 min Lesezeit24. Oktober 2026

Stichwahl in Brasilien am 25. Oktober: Flávio Bolsonaro gegen Lula, und was die erste Runde für Auswanderer zeigt

47,03 gegen 45,16 Prozent: das amtliche Ergebnis der ersten Runde, der neue Kongress, der Real nach der Wahl und was die Stichwahl für Zuzügler entscheidet.

Harley Bieder
Von Harley Bieder, Lateinamerika-Experte, VidaLibrePlan

Am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, entscheidet Brasilien, wer das Land ab Januar regiert. In der Stichwahl stehen sich Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei (PL) und Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (PT) gegenüber. Das Ergebnis der ersten Runde vom 4. Oktober war knapp, und es zeigt mehr als nur den Abstand zwischen zwei Kandidaten: Es zeigt auch, mit welchem Kongress der Sieger regieren muss, wie unterschiedlich die Regionen wählen und wie die Märkte reagiert haben. Für alle, die in Brasilien leben oder den Umzug planen, lohnt der genaue Blick auf die amtlichen Zahlen.

Was gewählt wird, wer als Ausländer mitwählen darf und was rund um den Wahltag gilt, haben wir vor der ersten Runde ausführlich erklärt: in unserem Beitrag zur Wahl in Brasilien 2026. Hier geht es um das Ergebnis und darum, was am Sonntag auf dem Spiel steht.

Das amtliche Ergebnis der ersten Runde

Das Oberste Wahlgericht TSE hat die erste Runde am Vormittag des 5. Oktober vollständig ausgezählt. Nach den amtlichen Daten des TSE kamen die Kandidaten auf folgende Anteile an den gültigen Stimmen:

KandidatParteiStimmenAnteil
Flávio BolsonaroPL56.104.50347,03 %
LulaPT53.879.53845,16 %
Augusto CuryAvante3.448.5692,89 %
Renan SantosMissão2.675.8872,24 %
Ronaldo CaiadoPSD2.605.1482,18 %
alle übrigen sieben587.1430,49 %

Flávio Bolsonaro lag damit rund 2,2 Millionen Stimmen vor Lula. Keiner der beiden erreichte die absolute Mehrheit. Nach Artikel 77 der brasilianischen Verfassung zählen dafür nur die gültigen Stimmen, also ohne leere und ungültige Stimmzettel. Erreicht niemand mehr als die Hälfte, treten die beiden Erstplatzierten am letzten Sonntag im Oktober erneut an, und gewählt ist, wer dann die Mehrheit der gültigen Stimmen hat.

Zur Wahl aufgerufen waren 158.745.502 Menschen. Abgegeben wurden 125.275.835 Stimmen, das entspricht einer Beteiligung von 78,92 Prozent. Gut ein Fünftel der Wahlberechtigten blieb also trotz Wahlpflicht zu Hause. 1,84 Prozent der abgegebenen Stimmen waren leer, 2,93 Prozent ungültig.

Die Kandidaten, die zusammen auf gut 7,8 Prozent kamen, sind für Sonntag die eigentliche Unbekannte. Schon eine kleine Verschiebung dieser Wähler oder eine andere Beteiligung kann den Abstand von knapp zwei Prozentpunkten drehen.

Ein Land, zwei Karten

Die Bundesstaaten haben sehr unterschiedlich gewählt. Lula gewann nach den Daten des TSE vor allem im Nordosten deutlich, etwa in Piauí mit 70,99 Prozent, in Bahia mit 66,17 Prozent und in Ceará mit 63,29 Prozent. Flávio Bolsonaro dominierte den Süden, den Mittelwesten und den Norden: Roraima 71,06 Prozent, Santa Catarina 66,65 Prozent, Mato Grosso 65,15 Prozent, Paraná 59,91 Prozent. In den bevölkerungsreichen Staaten des Südostens lag er ebenfalls vorn, in São Paulo mit 51,93 Prozent, in Rio de Janeiro mit 53,01 Prozent und knapp in Minas Gerais mit 48,24 zu 43,33 Prozent. In Amapá trennten die beiden nur 0,04 Prozentpunkte.

Auch die Brasilianer im Ausland haben gewählt. Bei ihnen lag nach den Auslandsdaten des TSE Lula mit 47,57 Prozent vor Flávio Bolsonaro mit 43,49 Prozent.

Für Zuzügler ist diese Karte mehr als Statistik. Viele Deutsche, Österreicher und Schweizer zieht es in den Süden, nach Santa Catarina oder Rio Grande do Sul, oder an die Küste des Nordostens. Das sind politisch zwei sehr verschiedene Welten, und das spürst du auch in der Landespolitik.

So läuft die Stichwahl ab

Am Sonntag stehen nur noch zwei Namen auf dem elektronischen Wahlgerät, jeweils zusammen mit dem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft: Bei Flávio Bolsonaro ist das nach den Registrierungsdaten des TSE Alfredo Gaspar (PL), bei Lula Geraldo Alckmin (PSB). Mit dem Präsidenten ist nach Artikel 77 der Verfassung automatisch auch sein Vize gewählt.

Wie schnell das Ergebnis feststeht, hat die erste Runde gezeigt: Nach den Daten des TSE waren am 5. Oktober um 12:51 Uhr alle 499.248 Urnenbezirke vollständig ausgezählt, also am Mittag nach dem Wahltag. Bei der Stichwahl mit nur zwei Kandidaten ist mit einem ähnlichen Tempo zu rechnen.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass einer der beiden vor der Stichwahl stirbt, zurücktritt oder rechtlich verhindert ist, rückt nach Artikel 77 der Drittplatzierte der ersten Runde nach. Bei Stimmengleichheit um den zweiten Platz entscheidet das höhere Alter. Lula ist nach den TSE-Daten am 6. Oktober 1945 geboren, Flávio Bolsonaro am 30. April 1981.

Der neue Kongress steht schon fest

Am 4. Oktober wurde nicht nur der Präsident gewählt. Bereits entschieden sind die Abgeordnetenkammer mit ihren 513 Sitzen und zwei Drittel des Senats. Wir haben die Ergebnisse aller 27 Bundeseinheiten aus den TSE-Daten zusammengezählt.

In der Abgeordnetenkammer wird die PL mit 121 Sitzen stärkste Kraft, vor der PT mit 70. Es folgen União Brasil (46), PSD (43), PP und Republicanos (je 41) sowie MDB (36). Im Senat wurden 54 der 81 Sitze neu besetzt, die übrigen 27 Senatoren sind noch bis 2031 im Amt. Davon gingen 19 an die PL, 7 an die MDB und 6 an die PT.

Das ist für die Stichwahl entscheidend. Weder PL noch PT haben allein auch nur annähernd eine Mehrheit. Wer auch immer am Sonntag gewinnt, braucht die Parteien der Mitte, um Gesetze durchzubringen. Für Verfassungsänderungen sind in beiden Kammern sogar drei Fünftel der Stimmen nötig. Für dich bedeutet das: Große Kursänderungen bei Steuern oder Einwanderung lassen sich nicht per Wahlabend beschließen. Sie müssen durch einen Kongress, dessen Zusammensetzung jetzt schon feststeht.

Auch einige Gouverneure werden am Sonntag gewählt

In den meisten Bundesstaaten stehen die Gouverneure bereits fest. Nach den TSE-Daten gewannen etwa Tarcísio (Republicanos) in São Paulo, Douglas Ruas (PL) in Rio de Janeiro, Jorginho Mello (PL) in Santa Catarina, Zucco (PL) in Rio Grande do Sul, Sergio Moro (PL) in Paraná und Jerônimo Rodrigues (PT) in Bahia schon in der ersten Runde.

Eine zweite Runde gibt es am 25. Oktober in fünf Bundesstaaten und im Hauptstadtdistrikt: in Acre, Amazonas, Espírito Santo, Rio Grande do Norte und Tocantins sowie im Distrito Federal um Brasília. Wer dort lebt, erlebt am Sonntag also eine doppelte Wahl. Gouverneure sind für dich im Alltag oft wichtiger, als es scheint: Sie verantworten die Polizei der Bundesstaaten und die Landessteuer auf Waren und Dienstleistungen, die im Zuge der Steuerreform in den kommenden Jahren schrittweise in die neue gemeinsame Abgabe übergeht.

Wie der Real reagiert hat

Der erste Handelstag nach der Wahl brachte eine deutliche Bewegung. Nach dem amtlichen Referenzkurs PTAX der Zentralbank kostete ein Euro am Freitag vor der Wahl, dem 2. Oktober, 5,8815 Reais. Am Montag, dem 5. Oktober, waren es nur noch 5,5897 Reais. Der Real wurde damit an einem einzigen Tag rund 5 Prozent stärker gegenüber dem Euro. Seitdem hat er einen Teil davon wieder abgegeben: Am 23. Oktober lag der Kurs bei 5,6422 Reais je Euro. Gegenüber dem US-Dollar zeigt sich dasselbe Bild. Der PTAX-Kurs fiel vom 1. Oktober mit 5,2079 Reais je Dollar auf 4,9859 Reais am 5. Oktober und stand am 23. Oktober bei 5,0377 Reais. Das ist wichtig für alle, die Mieten, Ersparnisse oder Kaufpreise in Dollar rechnen.

Ob die Bewegung mit dem Wahlergebnis zusammenhängt oder mit anderen Faktoren, sagt der Kurs selbst nicht. Klar ist aber, was sie für dich bedeutet: Wer von Euro oder Franken lebt, Rente in Euro bezieht oder eine Immobilie in Reais kauft, bekommt seit Anfang Oktober spürbar weniger Reais für sein Geld. Wer größere Beträge wechseln will, sollte rund um die Stichwahl mit stärkeren Schwankungen rechnen und nicht alles an einem Tag tauschen.

Was am Sonntag entschieden wird und was nicht

Der Sieger tritt sein Amt nach Artikel 82 der Verfassung am 5. Januar 2027 an. Diesen Termin hat eine Verfassungsänderung von 2021 festgelegt, früher war es der 1. Januar. Bis dahin regiert die bisherige Regierung weiter.

Für Auswanderer sind drei Bereiche wichtig, und in allen dreien gilt: Die Regeln stehen im Gesetz, nicht im Wahlprogramm.

Aufenthalt: Die Grundlage für Visa und Aufenthaltstitel ist das Migrationsgesetz 13.445 von 2017. Viele Details, etwa Einkommensgrenzen für bestimmte Visa, regelt die Regierung allerdings per Verordnung und Ministerialbeschluss. Das kann eine neue Regierung schneller ändern als ein Gesetz. Welche Wege heute offenstehen, erklärt unser Leitfaden zur Aufenthaltsgenehmigung in Brasilien.

Einkommensteuer: Seit 2026 gilt das Gesetz 15.270 mit der Steuerfreiheit für Einkommen bis 5.000 Reais im Monat und einer Mindeststeuer für hohe Einkommen. Ein neuer Präsident müsste es durch den Kongress ändern. Wie die Regeln für Zuzügler heute aussehen, steht in unserem Beitrag zu den Steuern in Brasilien 2026.

Verbrauchsteuern: Die große Reform der Steuern auf Waren und Dienstleistungen ist in der Verfassung verankert und läuft nach festem Zeitplan über mehrere Jahre. Auch hier gilt: Ändern lässt sie sich nur mit einer Dreifünftelmehrheit in beiden Kammern.

Für Deutschland, Österreich und die Schweiz ändert die Wahl rechtlich nichts. Ob und wie ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Brasilien greift, wenn du dort steuerlich ansässig bist und Einkünfte aus der Heimat beziehst, hängt von deinem Heimatland ab. Die Übersicht für alle drei Länder steht in unserer Vorschau zur ersten Runde.

Was du jetzt tun solltest

Wenn du in Brasilien lebst: Als Deutscher, Österreicher oder Schweizer darfst du nach Artikel 14 der Verfassung nicht wählen, auch nicht mit unbefristetem Aufenthalt. Was am Wahltag sonst für alle gilt, steht in unserer Vorschau zur ersten Runde. Rechne mit vollen Straßen in der Nähe der Wahllokale und meide am Abend große Kundgebungen.

Wenn du den Umzug für 2027 planst: Ein Regierungswechsel oder eine weitere Amtszeit Lulas ändert die Gesetze nicht über Nacht, Verordnungen aber können sich nach dem 5. Januar schneller bewegen. Wer noch plant, sollte die ersten Wochen der neuen Amtszeit im Blick behalten, bevor er Unterlagen mit Ablaufdatum wie Führungszeugnisse oder beglaubigte Urkunden beschafft.

Wenn du Geld wechseln oder eine Immobilie kaufen willst: Verteil größere Umtausche auf mehrere Termine und achte auf den PTAX-Kurs der Zentralbank als neutralen Vergleichswert.

Einen ehrlichen Überblick über Kosten, Visa und Nachteile des Landes gibt unser Komplett-Guide zum Auswandern nach Brasilien, die Grunddaten findest du auf unserer Länderseite Brasilien.