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Wissen11 min Lesezeit12. Oktober 2026

Mordzahlen in Mexiko 2026: was die amtliche Statistik bis August zeigt

40,8 Opfer pro Tag im August 2026, ein Minus von 31 Prozent zum Vorjahr: Mexikos amtliche Mordstatistik, nach Bundesstaaten eingeordnet für Auswanderer.

Harley Bieder
Von Harley Bieder, Lateinamerika-Experte, VidaLibrePlan

Mexiko hat beim Thema Sicherheit einen Ruf, der vielen Auswanderern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz den Umzug schwer macht. Seit gut einem Jahr zeigen die amtlichen Zahlen allerdings eine Richtung, die zu diesem Ruf nicht recht passt: Die Zahl der Opfer vorsätzlicher Tötungen sinkt deutlich. Im August 2026 registrierten die Staatsanwaltschaften der 32 Bundesstaaten 1.264 Opfer von homicidio doloso, das sind 40,8 pro Tag und damit der niedrigste Monatswert der gesamten Reihe, die 2015 beginnt.

Die Zahlen stammen vom Secretariado Ejecutivo del Sistema Nacional de Seguridad Pública (SESNSP), der Statistikstelle des nationalen Sicherheitssystems. Er stellt sie als offene Daten zur Kriminalitätsstatistik bereit, getrennt nach Delikten und nach Opfern, nach Bundesstaat und Gemeinde. Alle Werte beruhen auf der Opferdatei für Januar bis August 2026 und auf der Vergleichsdatei für die Jahre 2015 bis 2025, soweit nicht anders angegeben. Daten für September lagen am 12. Oktober noch nicht vor.

Die Kernzahlen bis August 2026

Zuerst der Überblick, jeweils Januar bis August:

  • Opfer vorsätzlicher Tötung 2026: 11.586.
  • Gleicher Zeitraum 2025: 16.748, also ein Minus von knapp 31 Prozent.
  • Gleicher Zeitraum 2024: 20.147. Gegenüber 2024 hat sich die Zahl damit um rund 43 Prozent verringert.
  • Durchschnitt August 2026: 40,8 Opfer pro Tag.
  • Zum Vergleich September 2024: 2.609 Opfer im Monat, knapp 87 pro Tag. Gegenüber diesem Monat liegt der Tagesdurchschnitt vom August 2026 um rund 53 Prozent niedriger.
  • Über das Jahr hinweg ging es nicht gleichmäßig abwärts. Im Januar lag der Tagesdurchschnitt bei 51,7, im April sogar bei 52,8. Erst ab Mai sank er Monat für Monat: 47,7 im Mai, 45,4 im Juni, 42,7 im Juli und 40,8 im August. Zum Vergleich: Selbst im ruhigsten Monat des Jahres 2015, dem bisher niedrigsten Jahr der Reihe, lag der Tageswert bei 43,7. In den Jahren 2018 bis 2021 waren es nie weniger als rund 83 pro Tag, im schlimmsten Jahr 2019 kamen über das ganze Jahr 34.722 Opfer zusammen.

    Für das Gesamtjahr 2025 weist die Statistik 23.612 Opfer aus, nach 30.061 im Jahr 2024. Der Rückgang begann also schon im Vorjahr und hat sich 2026 fortgesetzt.

    Wer die Opfer sind

    Die Opferdatei schlüsselt nach Geschlecht und Tatmittel auf. Von den 11.586 Opfern bis August waren 10.380 Männer und 988 Frauen, bei 218 ist das Geschlecht nicht erfasst. Gut drei Viertel der Opfer, 8.801, wurden mit einer Schusswaffe getötet. Das Muster ist typisch für Gewalt zwischen bewaffneten Gruppen und unterscheidet sich deutlich von dem, was Leser aus Mitteleuropa unter Tötungsdelikten kennen.

    Getrennt davon zählt die Statistik Feminizide, also Tötungen von Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen. Bis August waren es 442 Opfer, nach 466 im gleichen Zeitraum 2025. Der SESNSP veröffentlicht dazu einen eigenen Monatsbericht zur Gewalt gegen Frauen mit Stand 31. August 2026.

    Wie Mexiko zählt

    Wer die Zahlen richtig lesen will, muss drei Dinge wissen. Sie erklären auch, warum in Medienberichten oft unterschiedliche Werte für denselben Monat kursieren.

    Opfer oder Ermittlungsakten

    Die Statistik gibt es in zwei Fassungen. Die eine zählt carpetas de investigación, also Ermittlungsakten, die eine Staatsanwaltschaft eröffnet hat. Die andere zählt Opfer. Weil eine Akte mehrere Getötete umfassen kann, liegen die Opferzahlen höher. Von Januar bis August 2026 eröffneten die Staatsanwaltschaften 10.115 Akten wegen vorsätzlicher Tötung, gezählt wurden 11.586 Opfer. Für die Frage, wie gefährlich ein Land ist, ist die Opferzahl die aussagekräftigere. Die Werte von 40,8 und knapp 87 pro Tag beziehen sich auf Opfer.

    Fuero común: nur was die Bundesstaaten melden

    Die Zahlen umfassen das fuero común, also Delikte, für die die Staatsanwaltschaften der Bundesstaaten zuständig sind. Laut Methodenhandbuch des neuen Registers speist sich die Statistik aus den Datenbanken der Fiscalías und Procuradurías der 32 Bundesstaaten. Delikte des Bundesrechts (fuero federal) führt der SESNSP in einer eigenen Datenreihe.

    Wichtig ist auch, was das Register nicht abbildet: Es zählt angezeigte oder von Amts wegen aufgenommene Taten zum Zeitpunkt, an dem die Akte eröffnet wird. Anklagen, Urteile und der Ausgang der Ermittlungen gehören laut Handbuch ausdrücklich nicht dazu.

    Vorläufig, später korrigiert

    Die Monatszahlen sind vorläufig. Der Bericht zur Gewalt gegen Frauen formuliert es klar: Es handelt sich um mutmaßliche Delikte aus eröffneten Ermittlungsakten, die in den Folgemonaten aktualisiert werden können. Das Methodenhandbuch nennt die typischen Gründe: Eine Tat wird nach weiteren Ermittlungen anders eingestuft, es tauchen weitere Opfer auf, der Tatort wird einer anderen Gemeinde zugeordnet, oder eine Akte wurde schlicht nicht gemeldet. Die Bundesstaaten liefern dann den ganzen Monat neu. Deshalb können Zahlen, die im September in der Presse standen, von den Werten abweichen, die du heute in der Datei findest.

    Die neue Methode seit Januar 2026

    Seit Januar 2026 erfasst Mexiko Kriminalität mit einem neuen Instrument, dem Registro Nacional de Incidencia Delictiva (RNID). Es ersetzt das Meldeformular, das seit 2015 galt, und erfasst unter anderem das genaue Alter und die Nationalität der Opfer. Für Vergleiche über die Jahre ist eine Frage entscheidend: Ist die neue Reihe mit der alten vergleichbar? Für vorsätzliche Tötungen beantwortet der SESNSP das in einer eigenen methodischen Notiz zum historischen Vergleich mit Ja: Die Reihe sei unverändert und mit früheren Veröffentlichungen vergleichbar. Versuchte Tötungen werden seit 2026 als eigene Unterkategorie ausgewiesen, waren aber auch früher nicht in der Zahl der vorsätzlichen Tötungen enthalten. Der Vergleich 2026 gegen 2025 ist also methodisch gedeckt.

    Wo die Gewalt stattfindet

    Für dich als Auswanderer ist der Landesdurchschnitt weniger wichtig als die Frage, wo getötet wird. Und hier ist die Statistik eindeutig: Sieben der 32 Bundesstaaten tragen fast die Hälfte der Opfer.

    BundesstaatOpfer Jan bis Aug 2026Anteil
    Guanajuato9838,5 %
    Baja California9708,4 %
    Chihuahua9248,0 %
    Sinaloa8667,5 %
    Estado de México7026,1 %
    Guerrero6525,6 %
    Morelos6185,3 %

    Zusammen sind das 5.715 Opfer oder 49,3 Prozent aller Opfer im Land. Am anderen Ende der Skala stehen Bundesstaaten mit sehr wenigen Fällen. Am wenigsten Opfer zählte bis August Yucatán mit 17.

    Auch innerhalb der Spitzengruppe bewegt sich viel. Guanajuato steht zwar weiter auf Platz eins, hat seine Zahl gegenüber Januar bis August 2025 aber fast halbiert, von 1.934 auf 983. In Sinaloa ging die Zahl von 1.172 auf 866 zurück, ein Minus von gut einem Viertel. In Chihuahua sank sie um rund 24 Prozent, in Baja California um rund 18 Prozent.

    Eine Einschränkung gilt für alle Werte der Rangliste: Es sind absolute Zahlen, keine Raten pro Einwohner. Bevölkerungsreiche Bundesstaaten haben schon deshalb mehr Fälle. Für den Vergleich eines Bundesstaats mit sich selbst über die Zeit taugen die Zahlen aber gut.

    Was das für typische Auswandererregionen heißt

    Viele Zuzügler aus dem deutschsprachigen Raum zieht es an eine Handvoll Orte. Die Statistik weist Bundesstaaten aus, keine Städte. Die folgenden Werte gelten deshalb immer für den ganzen Bundesstaat, jeweils Januar bis August 2026 gegen den gleichen Zeitraum 2025.

    Yucatán (Mérida): 17 Opfer nach 20 im Vorjahr. Das ist der niedrigste Wert aller 32 Bundesstaaten.

    Querétaro: 89 Opfer nach 111, ein Minus von rund 20 Prozent. Querétaro liegt damit weit unter dem Durchschnitt der Bundesstaaten von rund 360 Opfern.

    Ciudad de México: 533 Opfer nach 579, ein Minus von rund 8 Prozent. Die Hauptstadt hat sich damit weniger stark verbessert als das Land insgesamt. Bei der Einordnung hilft der Blick auf die Größe: Die Zahl verteilt sich auf eine Millionenstadt mit sehr unterschiedlichen Vierteln.

    Jalisco (Puerto Vallarta, Guadalajara): 550 Opfer nach 911 im Vorjahreszeitraum, ein Minus von fast 40 Prozent. Der Bundesstaat bleibt trotzdem im Mittelfeld, und das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Jalisco ab, ausgenommen die Metropolregion Guadalajara und Puerto Vallarta bei Anreise per Flugzeug oder Schiff.

    Oaxaca: 560 Opfer, exakt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Oaxaca ist damit einer von nur zwei Bundesstaaten ohne Rückgang (der andere ist Tlaxcala) und steht auf Platz acht der Rangliste, knapp hinter der Spitzengruppe. In allen übrigen 30 Bundesstaaten sank die Zahl. Wer an Oaxaca-Stadt oder die Pazifikküste denkt, sollte das wissen.

    Quintana Roo (Cancún, Playa del Carmen, Tulum): 87 Opfer nach 217, ein Minus von rund 60 Prozent.

    Baja California Sur (La Paz, Los Cabos): 43 Opfer nach 93, mehr als eine Halbierung.

    Guanajuato (San Miguel de Allende): Der Bundesstaat führt die Rangliste an, mit 983 Opfern nach 1.934 im Vorjahreszeitraum. Für die Wohnortwahl zählt in Guanajuato besonders, wo genau im Bundesstaat du lebst.

    Die allgemeinen Fragen, welche Viertel in Mexiko-Stadt oder Mérida sich für Zuzügler eignen und wie du dich im Alltag schützt, behandelt unser Überblick zur Sicherheit in Mexiko. Die neuen Zahlen ändern an dessen Grundaussage nichts, sie unterfüttern sie: Es kommt auf den Bundesstaat an, nicht auf das Land.

    Was die Reisehinweise sagen

    Die drei Außenministerien bewerten Mexiko regional, nicht landesweit.

    Das Auswärtige Amt rät in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen (Stand 12. Oktober 2026) dringend ab von Reisen nach Colima, Guerrero (mit Ausnahme von Acapulco und Ixtapa-Zihuatanejo bei Anreise per Flugzeug), Michoacán (außer Morelia bei Anreise per Flugzeug), Sinaloa (mit eng gefassten Ausnahmen), Tamaulipas nördlich von Ciudad Victoria, Zacatecas (außer Zacatecas-Stadt bei Anreise per Flugzeug) sowie in die Grenzregion zu den USA über das Nötigste hinaus. Abgeraten wird von Reisen nach Jalisco, ausgenommen die Metropolregion Guadalajara und Puerto Vallarta bei Anreise per Flugzeug oder Schiff, von Reisen in Guanajuato südwestlich der Bundesstraße 45D einschließlich Celaya, Salamanca und Irapuato und in das Grenzgebiet von Chiapas zu Guatemala. Das Amt betont, dass die größte Gefahr von der organisierten Kriminalität ausgeht und Unbeteiligte bei Schusswechseln ins Kreuzfeuer geraten können. Ausdrücklich nennt es auch die hohe Gewalt gegen Frauen in den Touristenregionen und den Umstand, dass die meisten Straftaten nicht aufgeklärt werden.

    Das österreichische Außenministerium führt Mexiko in seiner Reiseinformation (unverändert gültig seit 29. September 2026) mit Sicherheitsstufe 3 von 4 für die Grenzregionen zu den USA, besonders Tijuana und Ciudad Juárez, sowie für ländliche Gebiete in 18 Bundesstaaten, darunter Guanajuato, Jalisco und Baja California Sur. Touristenzonen und Städte des UNESCO-Weltkulturerbes sind davon ausgenommen. Im übrigen Land gilt Sicherheitsstufe 2, mit einem besonderen Hinweis auf Mexiko-Stadt, vor allem die Randbezirke und das Umfeld der U-Bahn-Stationen.

    Die Schweiz veröffentlicht eigene Reisehinweise des EDA für Mexiko. Wer aus der Schweiz kommt, sollte die aktuelle Fassung dort direkt lesen, denn die drei Ministerien formulieren unterschiedlich und aktualisieren zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

    Auffällig ist, wie gut sich Statistik und Reisehinweise ergänzen. Sinaloa, Guerrero und Guanajuato stehen in beiden Quellen weit oben. Umgekehrt nennt keiner der beiden lesbaren Hinweise Yucatán oder Querétaro als Problemregion, und genau dort zählt die Statistik wenige Fälle.

    Was die Zahlen nicht zeigen

    So klar der Trend ist, die Statistik hat Lücken, die du kennen solltest.

    Verschwundene Personen tauchen in der Mordstatistik nicht auf, solange kein Leichnam gefunden und keine Tötung festgestellt ist. Mexiko führt dafür ein eigenes Register, das Registro Nacional de Personas Desaparecidas y No Localizadas (RNPDNO) der Nationalen Suchkommission. Nach eigener Darstellung kann hinter einer Verschwundenmeldung eine ganze Reihe von Delikten stehen, von gewaltsamem Verschwindenlassen über Entführung bis zu Menschenhandel. Ein sinkender Mordwert allein beweist deshalb nicht, dass die Gewalt im gleichen Maß zurückgeht. Wer die Lage vollständig beurteilen will, schaut auf beide Register.

    Nicht angezeigte Taten fehlen naturgemäß, denn das Register zählt nur, was in einer Ermittlungsakte landet. Bei Alltagsdelikten wie Diebstahl bildet die Statistik deshalb nur einen Teil des Geschehens ab.

    Erpressung bleibt ein Thema, das sich vom Mordtrend abkoppelt. Bis August zählte die Statistik 7.620 Opfer vollendeter Erpressung nach 7.838 im Vorjahreszeitraum, also nur einen leichten Rückgang. Für Zuzügler, die ein Geschäft eröffnen oder vermieten, ist das die relevantere Zahl als der Mordwert.

    Städte und Viertel weist die Bundesstaatsdatei nicht aus. Die Gemeindedatei des SESNSP geht tiefer, aber auch dort bleibt offen, ob sich eine Tat im Zentrum oder am Stadtrand ereignet hat. Für die Wahl eines konkreten Viertels ersetzt keine Statistik die Erfahrung vor Ort.

    Was du jetzt konkret tun kannst

    Wenn du schon in Mexiko lebst: Der Rückgang ist real, aber er verteilt sich ungleich. Prüfe die Entwicklung deines eigenen Bundesstaats statt des Landesdurchschnitts. Wer in Oaxaca oder Mexiko-Stadt lebt, sieht einen deutlich schwächeren Trend als wer in Quintana Roo oder Baja California Sur wohnt.

    Wenn du den Umzug planst: Mach die Wahl des Bundesstaats zur Sicherheitsentscheidung, und lies dazu die Hinweise deines Außenministeriums. Yucatán und Querétaro liegen in der Statistik am unteren Ende, Jalisco und Guanajuato verlangen einen genaueren Blick auf den Ort. Was du sonst für den Umzug brauchst, fasst der Beitrag zu Vor- und Nachteilen des Auswanderns nach Mexiko zusammen, den Weg zum Aufenthaltstitel der Beitrag zur Residenz in Mexiko.

    Wenn du Länder vergleichst: Achte darauf, ob eine Zahl Opfer oder Ermittlungsakten meint, ob sie vorläufig ist und welcher Zeitraum zugrunde liegt. Wie andere Länder der Region ihre Zahlen veröffentlichen, zeigt zum Beispiel die amtliche Halbjahresbilanz aus Uruguay. Den größeren Rahmen liefert unser Sicherheitscheck für Lateinamerika.

    Wann die nächsten Zahlen kommen

    Der SESNSP veröffentlicht die Statistik monatlich, jeweils mit Stand des Vormonats. Die Daten für September 2026 folgen im Oktober, dann zum ersten Mal mit Werten für neun Monate unter der neuen Methode. Weil die Bundesstaaten zurückliegende Monate nachmelden können, lohnt es sich, auch frühere Monate in der neuen Datei noch einmal anzusehen.

    Für die Frage, ob Mexiko für dich in Frage kommt, sind die Zahlen ein wichtiger Baustein. Sie zeigen ein Land, in dem die tödliche Gewalt so niedrig ist wie seit Beginn der Reihe nicht mehr, und in dem sie sich zugleich auf wenige Bundesstaaten konzentriert. Für einen Umzug zählt am Ende weniger der Landesdurchschnitt als der Ort, an dem du wohnen wirst.