Kolumbien hat in den letzten zwanzig Jahren einen der bemerkenswertesten Wandel Lateinamerikas hinter sich, und Medellín ist zum Sinnbild dafür geworden. Trotzdem fragen sich viele, die einen Umzug planen, ob das Land wirklich sicher genug ist. Die amtlichen Zahlen für 2026 geben eine nüchterne Antwort: Von Januar bis September 2026 wurden in Kolumbien 10.432 Menschen getötet, nur 37 weniger als im selben Zeitraum 2025, und 2025 war das Jahr mit den meisten Tötungsopfern seit 2013. Für deine Ortswahl ist aber etwas anderes entscheidender: Die Entwicklung in den Städten läuft weit auseinander.
Die Zahlen stammen vom kolumbianischen Verteidigungsministerium. Es veröffentlicht auf dem staatlichen Open-Data-Portal den Datensatz HOMICIDIO, eine Liste aller erfassten Tötungsdelikte seit 2003 mit Datum, Departamento, Gemeinde, städtischem oder ländlichem Tatort, Geschlecht des Opfers, Tatmittel und mutmaßlicher Tatmodalität. Gemessen wird in Opfern, gezählt werden vorsätzliche Tötungen. Der Datensatz wird monatlich aktualisiert, die Fassung vom 21. Oktober 2026 reicht bis zum 30. September. Sämtliche Werte für 2026 und die Vorjahre sind aus dieser Fassung ausgezählt, und Vergleiche mit 2025 beziehen sich immer auf dieselben Monate.
Die Kernzahlen bis September 2026
Von Januar bis September 2026 zählte Kolumbien 10.432 Tötungsopfer. Im selben Zeitraum 2025 waren es 10.469. Das ist ein Rückgang um 0,4 Prozent, statistisch also praktisch Stillstand.
Zur Einordnung die ersten neun Monate der Vorjahre:
Über das ganze Jahr gerechnet weist der Datensatz für 2025 14.038 Opfer aus, nach 13.497 im Jahr 2024. Das war der höchste Wert seit 2013 mit 14.820. Zum Vergleich: 2003, im ersten Jahr der Reihe, waren es noch 22.619. Den Tiefpunkt erreichte Kolumbien 2017 mit 11.957 Opfern. Der große Rückgang liegt also lange zurück, seit 2021 bewegt sich das Land auf einem Plateau zwischen 13.497 und 14.038 Opfern im Jahr.
Der Verlauf über das Jahr
Monat für Monat sieht 2026 so aus, in Klammern 2025:
Bis August lag 2026 mit 9.466 Opfern sogar gut 2 Prozent über dem Vorjahr mit 9.256. Nur der September mit 966 Opfern drückt die Bilanz ins Minus. Ein so deutlicher Einbruch im letzten erfassten Monat ist mit Vorsicht zu lesen: Die Daten werden monatlich fortgeschrieben, und Fälle, die spät erfasst werden, können den jüngsten Monat in einer späteren Fassung noch erhöhen. Wer eine belastbare Tendenz sucht, sollte deshalb auf die Monate bis August schauen. Die zeigen kein Sinken, sondern ein leichtes Plus.
Wo die Gewalt stattfindet
Die meisten Opfer zählte das Departamento Valle del Cauca mit 1.803 (2025: 1.744), gefolgt von Antioquia mit 1.308 (1.346), Atlántico mit 982 (659) und Bogotá mit 819 (883). Danach kommen Cauca (562), Norte de Santander (496), Bolívar (436) und Santander (361).
Der auffälligste Wert ist Atlántico an der Karibikküste mit einem Plus von 49 Prozent. Genauso stark stieg die Zahl in Tolima, von 216 auf 322. Deutlich weniger Opfer meldeten dagegen Cauca, Norte de Santander, Bolívar, Magdalena (von 455 auf 349) und Risaralda. In den Departamentos mit aktiven bewaffneten Gruppen sind die Zahlen gemischt: Guaviare stieg von 63 auf 96, Putumayo von 66 auf 114, Nariño von 220 auf 232, Arauca sank von 90 auf 79.
Auch zwischen Stadt und Land verschieben sich die Gewichte. In den als städtisch erfassten Gebieten sank die Zahl der Opfer von 6.859 auf 6.691, also um gut 2 Prozent. In den ländlichen Gebieten stieg sie von 3.610 auf 3.741, ein Plus von knapp 4 Prozent. Die Gewalt verlagert sich leicht aufs Land, dorthin, wo bewaffnete Gruppen um Gebiete und Einnahmequellen kämpfen.
Die Städte, in denen Zuzügler oft leben
Für deine Entscheidung zählen die Städte. Januar bis September 2026, in Klammern 2025:
Die großen Städte: Cali 847 (753), Bogotá 819 (883), Barranquilla 472 (331), Cartagena 217 (269), Medellín 183 (247), Bucaramanga 116 (97).
Karibikküste: Santa Marta 88 (126), Soledad bei Barranquilla 262 (165), San Andrés 27 (25).
Kaffeezone: Pereira 124 (177), Armenia 86 (77), Manizales 30 (26), Salento 1 (0).
Rund um Medellín: Envigado 4 (7), Sabaneta 2 (2), Rionegro 17 (26), La Ceja 6 (3), Santa Fe de Antioquia 6 (9).
Andenhochland bei Bogotá: Villa de Leyva 0 (3), Soacha am Südrand der Hauptstadt 102 (139).
Weitere Städte im Landesinneren: Popayán 53 (56), Ibagué 62 (63), Cúcuta an der Grenze zu Venezuela 212 (246).
Die Entwicklung könnte unterschiedlicher kaum sein. Medellín zählte 26 Prozent weniger Opfer, Pereira 30 Prozent weniger, Santa Marta ebenfalls 30 Prozent, Cartagena 19 Prozent weniger. In Barranquilla und dem Nachbarort Soledad dagegen stiegen die Zahlen um 43 und 59 Prozent, in Cali um 12 Prozent. Cali verzeichnete damit mehr Opfer als die viel größere Hauptstadt.
Auf Ebene der Departamentos bestätigt die Kaffeezone das gemischte Bild: Risaralda mit Pereira sank von 326 auf 230 Opfer, Quindío mit Armenia stieg von 151 auf 167, Caldas mit Manizales von 106 auf 131. In absoluten Zahlen sind das kleine Bewegungen, verglichen mit den Küsten- und Grenzregionen.
Wichtig ist dabei die Größe der Städte, denn Bogotá ist die mit Abstand größte Stadt des Landes. Eine absolute Zahl sagt deshalb noch nichts über das Risiko pro Kopf. Gerade darum ist der Vergleich mit dem Vorjahr innerhalb derselben Stadt aussagekräftiger als der Vergleich zwischen Städten. Und wie immer gilt bei kleinen Orten: Ein einzelner Fall verändert das Bild sofort.
Wer die Opfer sind und wie sie sterben
78,7 Prozent der Opfer starben durch Schusswaffen, 16,3 Prozent durch Stich- oder Schnittwaffen. 83 Menschen starben durch Sprengsätze und 27 durch Drohnenangriffe mit Sprengstoff, nach 19 im Vorjahreszeitraum. 92,6 Prozent der Opfer waren Männer, 772 Opfer waren Frauen, fast genau so viele wie 2025 mit 770. Gut ein Drittel der Taten, 3.741 von 10.432, geschah in ländlichen Gebieten, also außerhalb der Städte, in denen Zuzügler typischerweise leben.
Bei der Tatmodalität ist 2026 eine große Verschiebung zu sehen. Der Auftragsmord (sicariato) bleibt mit 5.385 Opfern die häufigste Kategorie, nach 6.949 im Vorjahreszeitraum. Die Kategorie „Angriffe durch bewaffnete Gruppen“ (GAO und GAO-R, also die vom Staat so eingestuften organisierten bewaffneten Gruppen und ihre Splittergruppen) stieg dagegen von 487 auf 1.816 Opfer. Streitigkeiten (riñas) blieben mit 1.747 nahezu gleich, Raubüberfälle mit Todesfolge (atraco) gingen leicht von 414 auf 389 zurück. Damit endeten knapp 4 Prozent aller Tötungen im Zusammenhang mit einem Raub. Gewalt in der Familie führt der Datensatz für 2026 mit 118 Opfern, nach 122 im Vorjahreszeitraum.
Ob hinter der Verschiebung zwischen Auftragsmord und Angriffen bewaffneter Gruppen eine echte Veränderung der Gewalt steckt oder eine andere Zuordnung durch die Behörden, lässt sich aus dem Datensatz allein nicht ablesen. Fest steht: Der größte Teil der Gewalt ist zielgerichtet und hängt mit organisierter Kriminalität und bewaffneten Gruppen zusammen. Für dich als Zuzügler ist im Alltag eine andere Kategorie relevanter, nämlich Raub. Und der endet zwar selten tödlich, ist aber das Risiko, auf das sich die Hinweise der Außenministerien vor allem beziehen.
Was die Außenministerien raten
Das Auswärtige Amt führt für Kolumbien eine Teilreisewarnung, in seinen seit dem 12. Oktober 2026 unverändert gültigen Hinweisen für die unmittelbaren Grenzgebiete zu Venezuela in Norte de Santander und Cesar. Von Reisen in eine lange Liste weiterer Gebiete rät es dringend ab, darunter der Rest von Norte de Santander, Arauca, Cauca, Huila, Putumayo, Nariño mit Ausnahme von Pasto und dem Grenzübergang Ipiales, der Süden von Tolima, die ländlichen Regionen im Norden Antioquias und Valle del Cauca mit Ausnahme von Cali bei Anreise per Flugzeug. Seit Ende April 2026 beschreibt es eine Serie von Bomben- und Drohnenanschlägen, meist auf Polizeiwachen und Militäreinrichtungen, auch in Städten wie Cali, Cúcuta und Popayán. Die Kriminalitätsrate und die Gewaltbereitschaft nennt es hoch, auch in Bogotá und in Touristenzentren, und es berichtet von einem starken Anstieg von Überfällen mit Scopolamin vor allem in Bogotá und Medellín.
Das österreichische Außenministerium führt Kolumbien in seiner Reiseinformation (unverändert gültig seit 29. September 2026) mit einer regionalen Reisewarnung der Stufe 4, in der Übersicht für Norte de Santander und Arauca, im Kapitel zur Sicherheit zusätzlich für Nariño mit Ausnahme von Pasto und für Putumayo. Stufe 3, also die Empfehlung, nicht notwendige Reisen zu unterlassen, gilt unter anderem für Valle del Cauca mit Ausnahme von Cali, für Cauca mit Ausnahme von Popayán, für Chocó mit Ausnahme eines Küstenstreifens, für La Guajira sowie für ländliche Gebiete im Norden Antioquias. Der Rest des Landes steht auf Stufe 2.
Für die Städte beschreibt das BMEIA Bogotá, Medellín und Cali als Orte mit angespannter Sicherheitslage. Bewaffnete Banden überfielen vereinzelt Bars und Restaurants, auf offener Straße und am Tag gebe es vermehrt Raubüberfälle. Es warnt vor Express-Entführungen und vor Überfällen mit dem Betäubungsmittel Skopolamin, die vor allem in diesen drei Städten deutlich zugenommen hätten und häufig mit Bekanntschaften über Dating-Webseiten und -Apps zusammenhingen. Eine Überdosis könne tödlich sein.
Für Leser aus der Schweiz veröffentlicht das EDA seine Reisehinweise für Kolumbien. Die Ministerien bewerten unabhängig voneinander, ein Blick in alle drei lohnt sich.
Bemerkenswert ist der Abgleich mit den Zahlen: Medellín steht bei den Warnungen neben Bogotá und Cali, verzeichnet aber 2026 den stärksten Rückgang der großen Städte. Die Hinweise zielen eben vor allem auf Raub und Betäubungsdelikte, die in einer Mordstatistik kaum sichtbar werden. Umgekehrt spiegeln sich die Anschläge, vor denen beide Ministerien warnen, durchaus im Datensatz: in den 27 Toten durch Drohnen und den 83 Toten durch Sprengsätze.
Was die Zahlen für deinen Alltag bedeuten
Kolumbien bleibt ein Land mit hoher Mordrate, und 2026 bringt landesweit keine Entspannung. Für deine Planung entscheidend ist die Stadt, und innerhalb der Stadt das Viertel.
Wenn du nach Medellín willst: Die Stadt und ihre Nachbarorte im Süden wie Envigado und Sabaneta zeigen 2026 sinkende oder sehr niedrige Zahlen. Das Raubrisiko, vor dem die Außenministerien warnen, bleibt davon unberührt. Was Alltagskriminalität, Scopolamin und Überlandfahrten konkret bedeuten, steht in unserem Überblick zur Sicherheit in Kolumbien.
Wenn du an die Karibikküste willst: Santa Marta und Cartagena entwickeln sich 2026 positiv, im Großraum Barranquilla dagegen steigt die Gewalt deutlich. Wer dort sucht, sollte die Lage der Viertel genau prüfen. Wie das Leben an der Küste und in den Bergen im Vergleich aussieht, beschreibt unser Beitrag zum Auswandern nach Kolumbien.
Wenn du als Rentner in die Kaffeezone willst: Pereira mit einem Minus von 30 Prozent und das kleine Manizales mit niedrigen Zahlen sind interessant, Armenia legte leicht zu. Welche Visa für Rentner infrage kommen, erklärt der Beitrag Als Rentner nach Kolumbien, die Eckdaten zu Steuern und Aufenthalt stehen auf der Länderseite Kolumbien.
Wenn du Länder vergleichst: Die 10.432 Opfer gelten für neun Monate. Wie Kolumbien gegen seinen südlichen Nachbarn abschneidet, zeigt der Beitrag Ecuador oder Kolumbien, die amtlichen Zahlen des Nachbarlandes für 2026 unsere Auswertung der Mordzahlen in Ecuador. Eine amtliche Jahresbilanz aus dem Norden des Kontinents liefert unsere Analyse der Mordzahlen in Mexiko.
Wann die nächsten Zahlen kommen
Das Verteidigungsministerium schreibt den Datensatz monatlich fort, die Fassung bis September erschien am 21. Oktober. Jede neue Fassung kann auch bereits veröffentlichte Monate leicht verändern, deshalb lohnt es sich, Vergleiche immer innerhalb derselben Fassung zu ziehen. Wer selbst nachrechnen will, kann die Einzeldaten auf der Datensatzseite filtern und herunterladen, bis hinunter auf die einzelne Gemeinde. Weil die Reihe bis 2003 zurückreicht, lässt sich so auch für deinen Wunschort nachvollziehen, ob ein gutes oder schlechtes Jahr ein Ausreißer war oder Teil eines längeren Trends.

