Kaum ein Land in Lateinamerika hat sich in so kurzer Zeit so stark verändert wie Ecuador. Vor zehn Jahren zählte das Land rund tausend Tötungsdelikte im Jahr, 2025 waren es mehr als neuntausend. Wer heute einen Umzug nach Cuenca, an die Küste oder nach Quito plant, will wissen, ob sich die Lage 2026 bessert. Die amtliche Antwort liegt seit dem 20. Oktober vor: Von Januar bis September 2026 starben 6.285 Menschen durch Tötungsdelikte, 8,1 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2025. Hinter dieser Zahl stecken allerdings zwei gegenläufige Bewegungen, und für deine Ortswahl ist die Verteilung wichtiger als der Landesschnitt.
Die Zahlen stammen vom ecuadorianischen Innenministerium. Seine Dirección de Estadística y Economía de la Seguridad veröffentlicht auf dem staatlichen Open-Data-Portal den Datensatz Homicidios intencionales, und zwar nicht als Tabelle mit Summen, sondern als Liste aller einzelnen Opfer mit Datum, Provinz, Kanton, Tatmittel und mutmaßlichem Motiv. Die Datei für Januar bis September 2026 trägt als Veröffentlichungsdatum den 20. Oktober 2026, die Reihe 2014 bis 2025 den 19. Oktober 2026. Alle folgenden Zahlen sind aus diesen beiden Dateien ausgezählt, die Vergleiche mit 2025 beziehen sich immer auf dieselben neun Monate.
Die Kernzahlen bis September 2026
Gezählt werden Opfer vorsätzlicher Tötungen: Mord (asesinato), Totschlag (homicidio), Femizid und Auftragsmord (sicariato). Fast alle Fälle 2026, nämlich 5.981, führt das Ministerium als asesinato, dazu kommen 230 Fälle von Totschlag, 50 Femizide und 24 als Auftragsmord eingestufte Taten. Von Januar bis September 2026 waren es 6.285 Menschen. Im selben Zeitraum 2025 waren es 6.838. Das sind 553 Tote weniger.
Zur Einordnung die ersten neun Monate der Vorjahre, ebenfalls aus der amtlichen Reihe:
Der Rückgang ist also echt, aber 2026 ist trotzdem der zweithöchste Wert seit Beginn der Reihe 2014. Über das ganze Jahr gerechnet weist die Reihe für 2022 noch 4.886 Opfer aus, für 2023 dann 8.247, für 2024 7.065 und für 2025 mit 9.284 den höchsten Wert überhaupt. Wer also liest, Ecuador habe die Wende geschafft, sollte wissen: Das Land ist von einem Rekordjahr auf ein Niveau zurückgegangen, das immer noch über 2024 liegt.
Der Verlauf über das Jahr
Spannend wird es, wenn du die Monate einzeln anschaust:
Von Januar bis Mai lag jeder Monat unter dem Vorjahr, zusammen um 14 Prozent. Von Juni bis August drehte sich das Bild: Diese drei Monate lagen mit 2.199 Opfern rund 11 Prozent über dem Vorjahr. Der gesamte Rückgang des Jahres stammt also aus der ersten Jahreshälfte.
Der September fällt mit 577 Opfern auffällig niedrig aus. Hier ist Vorsicht angebracht. Das Ministerium schreibt in den Metadaten selbst, die Angaben seien „variaciones“ unterworfen, also Änderungen durch die laufende Erfassung und mögliche Aktualisierungen der Register. Ein Monat, der wenige Wochen vor der Veröffentlichung endete, kann in späteren Fassungen noch wachsen. Belastbarer ist der Blick auf die Monate bis August.
Wo die Gewalt stattfindet
Ecuadors Gewalt ist extrem ungleich verteilt, und das bestätigen auch die Zahlen für 2026. 84 Prozent aller Opfer starben in fünf Küstenprovinzen: Guayas (2.555), Manabí (930), El Oro (886), Los Ríos (683) und Esmeraldas (249).
Der Rückgang kommt fast vollständig aus zwei Provinzen. In Guayas sank die Zahl um 616 Opfer oder 19 Prozent, in Los Ríos um 242 oder 26 Prozent. In der Provinz Guayas lagen Guayaquil mit 1.618 Opfern (2025: 2.000) und Durán mit 240 (438) deutlich unter dem Vorjahr, Durán sogar um 45 Prozent.
Die Gegenbewegung findet im Süden der Küste statt. El Oro an der Grenze zu Peru zählte 886 Opfer nach 545 im Vorjahr, ein Plus von 341 oder 63 Prozent. Die Provinzhauptstadt Machala stieg von 266 auf 406, Huaquillas an der Grenze von 66 auf 111, Pasaje von 52 auf 100. Auch Santa Elena (198 nach 165), Sucumbíos im Amazonasgebiet an der Grenze zu Kolumbien (121 nach 87) und Azuay (33 nach 20) meldeten mehr Opfer. Die Gewalt ist also nicht verschwunden, sie hat sich teilweise verlagert. Fast unverändert blieben Manabí (930 nach 945) und Esmeraldas (249 nach 263), die Provinz Pichincha mit der Hauptstadt Quito sank leicht von 226 auf 203.
Die Orte, in denen Zuzügler oft leben
Für die Entscheidung, wo du dich niederlässt, sind die Kantone aussagekräftiger als die Provinzen. Einige Werte von Januar bis September 2026, in Klammern 2025:
Andenhochland: Cuenca 20 (8), Loja 14 (27), Quito 175 (192), Ibarra 17 (22), Cotacachi 0 (5), Otavalo 5 (3), Ambato 31 (28), Baños de Agua Santa 5 (0).
Pazifikküste: Manta 251 (300), Montecristi 123 (74), Puerto López 9 (9), Salinas 48 (32), La Libertad 68 (61), Kanton Santa Elena 82 (72), Playas 53 (62).
Großraum Guayaquil: Samborondón 56 (32), Daule 90 (85).
Galápagos: In keinem der drei Kantone der Inselprovinz wurde 2025 oder 2026 bis September ein Tötungsdelikt erfasst.
Diese Zahlen sind klein, und ein einzelner Fall verändert das Bild eines Kantons sofort. Dass sich in Cuenca die Zahl mehr als verdoppelt hat, klingt dramatisch, bedeutet aber zwölf Opfer mehr in einer Großstadt. Trotzdem zeigt sich ein klares Muster. Das Hochland bleibt um Größenordnungen ruhiger als die Küste: Der ganze Kanton Cuenca zählte in neun Monaten 20 Opfer, der Kanton Guayaquil erreichte diese Zahl im Schnitt in weniger als vier Tagen. An der Küste dagegen ist auch in beliebten Orten wie Manta, Montecristi oder Salinas die Gewalt präsent, teils mit steigender Tendenz.
Wer die Opfer sind und wie sie sterben
Die Einzeldaten erlauben einen Blick hinter die Gesamtzahl.
87,6 Prozent der Opfer starben durch Schusswaffen, 7,6 Prozent durch Stich- oder Schnittwaffen. Das ist ein hoher Anteil und typisch für Gewalt zwischen bewaffneten Gruppen. 76 Prozent der Taten geschahen in städtischen Gebieten.
Beim mutmaßlichen Motiv ordnet das Ministerium 96,4 Prozent der Fälle der „delincuencia común“ zu, also der allgemeinen Kriminalität. Zu dieser Kategorie gehören im Datensatz etwa auch Fälle, bei denen als beobachtetes Motiv der Drogenkleinhandel vermerkt ist. Gewalt in der Familie macht laut Datensatz knapp 1 Prozent aus, Gewalt im Nachbarschafts- und Gemeindeumfeld 2,4 Prozent.
90,6 Prozent der Opfer waren Männer. 5.682 Opfer, also 90,4 Prozent, hatten die ecuadorianische Staatsangehörigkeit. Unter den übrigen stellen Venezolaner (122) und Kolumbianer (71) die größten Gruppen, bei 338 Opfern ist die Nationalität nicht bestimmt oder nicht erfasst. Europäische Staatsangehörigkeiten weist der Datensatz nicht einzeln aus, sie fallen unter die Sammelkategorie „otros“ mit 62 Fällen.
Für deine Einschätzung heißt das: Das Risiko konzentriert sich auf ein Milieu, auf bestimmte Viertel und auf bestimmte Regionen. Wer dort nicht lebt und sich nicht in diesem Umfeld bewegt, hat ein anderes Risikoprofil als die Landesstatistik. Null ist es nicht, denn Schusswechsel im öffentlichen Raum, Erpressung und Überfälle treffen auch Unbeteiligte.
Was die Außenministerien raten
Das österreichische Außenministerium führt Ecuador in seiner Reiseinformation (Stand 1. November 2026, unverändert gültig seit 25. September 2026) mit Sicherheitsstufe 3 für die Küstenprovinzen am Pazifik und die Grenzgebiete zu Kolumbien, Stufe 2 für den Rest des Landes. Von nicht unbedingt notwendigen Reisen in diese Gebiete rät es ab, ausdrücklich auch in die Stadt Guayaquil und Umgebung sowie in die Stadt Esmeraldas. Die Kriminalitätsrate sei im gesamten Land hoch. Für die Küstenprovinzen Guayas, Manabí, El Oro, Santa Elena und Esmeraldas nennt das BMEIA ein hohes Sicherheitsrisiko durch Auseinandersetzungen, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, und mahnt in Einkaufszentren, öffentlichen Gebäuden und Restaurants der Küstenregion zu extremer Vorsicht. Ausgangssperren würden oft verhängt und könnten jederzeit ausgeweitet werden, dazu kämen Straßensperren und Einschränkungen im Verkehr.
Das deutsche Auswärtige Amt rät in seinen seit dem 1. Oktober 2026 unverändert gültigen Hinweisen von nicht notwendigen Reisen in das unmittelbare Grenzgebiet zu Kolumbien ab, mit Ausnahme des Grenzübergangs Tulcán, ebenso nach Esmeraldas-Stadt, in den Teil Guayaquils südlich der Avenida Portete de Tarquí und nach Durán. Besondere Vorsicht verlangt es unter anderem in der Provinz El Oro, vor allem in Huaquillas und Arenillas, in Los Ríos und in Santo Domingo. Für Leser aus der Schweiz gibt das EDA eigene Reisehinweise für Ecuador heraus. Die drei Ministerien formulieren und aktualisieren unabhängig voneinander, ein Blick in alle drei lohnt sich vor einer Erkundungsreise.
Auffällig ist, wie gut die Hinweise mit den Zahlen übereinstimmen: Die Provinzen mit erhöhter Warnstufe sind genau die, in denen sich die Opfer konzentrieren. El Oro, wo die Zahlen 2026 am stärksten steigen, nennen beide Ministerien ausdrücklich, und Huaquillas gehört zu den Kantonen mit dem deutlichsten Anstieg.
Was die Zahlen für deinen Alltag bedeuten
Ecuador bleibt ein Land mit sehr hoher Mordrate, und der Rückgang 2026 ändert daran wenig. Für deinen Alltag entscheidend ist, wo du lebst.
Wenn du ins Hochland willst: Cuenca, Loja, Ibarra, Cotacachi und die kleineren Orte der Sierra haben niedrige Fallzahlen, auch wenn in Cuenca 2026 mehr Opfer gezählt wurden als 2025. Quito liegt als Hauptstadt mit 175 Opfern dazwischen, mit großen Unterschieden zwischen den Vierteln. Wie sich Ecuadors Sicherheitslage über die Kriminalität hinaus darstellt, von Vulkanen bis Erdbeben, steht in unserem Überblick zur Sicherheit in Ecuador.
Wenn du an die Küste willst: Hier musst du genauer hinschauen. Manta, Montecristi und die Halbinsel Santa Elena sind bei Ausländern beliebt, liegen aber in Provinzen mit hohen Zahlen und erhöhter Warnstufe. Orte wie Puerto López zeigen niedrige Werte, die Lage kann sich aber binnen Monaten ändern, wie El Oro 2026 zeigt. Was ein Umzug kostet und welche Visa es gibt, erklärt unser Beitrag zum Auswandern nach Ecuador, die Eckdaten zu Steuern und Aufenthalt stehen auf der Länderseite Ecuador.
Wenn du Länder vergleichst: Die 6.285 Opfer gelten für neun Monate, ein Vergleich mit Jahreszahlen anderer Länder ist nur auf dieser Basis sinnvoll. Wie Ecuador gegen seinen nördlichen Nachbarn abschneidet, zeigt der Beitrag Ecuador oder Kolumbien, eine amtliche Auswertung aus Mittelamerika unsere Analyse der Mordzahlen in Panama.
Wann die nächsten Zahlen kommen
Das Innenministerium aktualisiert den Datensatz laut eigener Angabe monatlich. Die Datei bis September erschien am 20. Oktober. Jede neue Fassung kann auch die bereits veröffentlichten Monate leicht verändern, deshalb lohnt es sich, bei Vergleichen immer dieselbe Fassung für beide Jahre zu nehmen. Wer selbst nachrechnen will, findet auf der Datensatzseite die Einzeldaten seit 2014 zum Herunterladen, aufgeschlüsselt bis auf die Ebene der Polizeikreise.

