Wer in den vergangenen Jahren über Bolivien als Wohnsitz nachgedacht hat, kannte eine feste Größe: den offiziellen Dollarkurs von 6,86 Bolivianos beim Kauf und 6,96 beim Verkauf. Diese Zahl ist Geschichte. Am 26. Juni 2026 hat Bolivien den Übergang zu einem flexiblen Wechselkurs beschlossen. Seitdem bildet sich der offizielle Kurs täglich am Markt, und er hat sich deutlich bewegt: Für den 2. Oktober weist die Zentralbank einen offiziellen Kurs von 11,90 Bolivianos je US-Dollar aus.
Für dich als Auswanderer, der in Euro, Franken oder Dollar rechnet, ist das eine der wichtigsten Veränderungen im Land seit Langem. Sie betrifft deine Kaufkraft, deinen Mietvertrag, dein Konto und die Frage, wie du Geld ins Land bringst.
Was am 26. Juni beschlossen wurde
Zwei Rechtsakte stehen hinter dem Wechsel. Das Wirtschafts- und Finanzministerium hat mit der Resolución Ministerial 245 vom 26. Juni 2026 den Rahmen gesetzt: ein Regime der Wechselkursflexibilisierung, dessen Umsetzung die Zentralbank übernimmt. Am selben Tag hat das Direktorium der Zentralbank (Banco Central de Bolivia, BCB) mit der Resolución de Directorio 88/2026 ein neues Reglement für Devisengeschäfte erlassen und das alte von 2013 aufgehoben.
Die Kernpunkte des neuen Reglements:
Der Unterschied zum alten System liegt auf der Hand. Früher setzte die Zentralbank eine Zahl, heute beobachtet sie den Markt und veröffentlicht, was dort passiert ist.
Wie sich der Kurs seitdem bewegt hat
Die Zentralbank führt eine Tabelle der offiziellen Kurse für 2026. Sie zeigt bis zum 26. Juni an jedem Tag dieselben Werte, 6,86 und 6,96. Ab dem 27. Juni steht dort ein einziger offizieller Kurs: 9,73. Von da an ging es in Etappen weiter:
Rechnet man vom alten Verkaufskurs 6,96 aus, kostet ein Dollar in Bolivianos Anfang Oktober gut 70 Prozent mehr als vor dem Wechsel. Umgekehrt ist der Boliviano für jemanden, der in Dollar oder Euro kommt, entsprechend billiger geworden. Die Ausschläge im September zeigen aber auch: Der Kurs ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Innerhalb weniger Tage lagen zwischen Höchst- und Tiefstwert mehr als zweieinhalb Bolivianos.
Was die Zentralbank im September getan hat
Die Zentralbank greift ein, und ihre Mitteilungen erklären, warum. Am 7. September kündigte sie in einer Pressemitteilung an, vorübergehend keine neuen Dollarkäufe mehr zu tätigen. Die liquiden Teile der Reserven hätten mehr als 1 Milliarde US-Dollar erreicht. Zugleich führte sie ab dem 8. September ein Instrument ein, das überschüssige Liquidität im Bankensystem bindet. Einen Tag später bot sie den Banken selbst Dollar an, um unnötige Ausschläge am Devisenmarkt zu dämpfen, und verkaufte laut Mitteilung C8/2026 am 9. September 35 Millionen US-Dollar zum Kurs von 12,10. Am 25. September folgte mit der Reserva Monetaria Ampliada ein weiteres befristetes Instrument, das überschüssige Bolivianos im Bankensystem bindet. Die Einlagen der Kunden bleiben davon laut Zentralbank unberührt.
Ein Blick auf die Reserven erklärt die Vorsicht. Laut einer weiteren Mitteilung vom 3. September bestehen mehr als 82 Prozent der internationalen Reserven aus Gold. Die Zentralbank schreibt selbst, dass diese Struktur ihre Fähigkeit einschränkt, Liquiditätsbedarf zu decken, und strebt einen geringeren Goldanteil an. Für dich heißt das: Die Zentralbank kann den Kurs glätten, aber nicht beliebig lange stützen.
Der Rahmen: das Programm mit dem Währungsfonds
Hinter der Reform steht ein größeres Programm. Das Wirtschaftsministerium hat im September das Memorandum über Wirtschafts- und Finanzpolitik veröffentlicht, das die Regierung im Rahmen einer auf 36 Monate angelegten Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds vorgelegt hat. Darin beschreibt sie die Ausgangslage ohne Beschönigung: ein Haushaltsdefizit von 11 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2025, eine Staatsverschuldung von mehr als 80 Prozent und ein überbewerteter fester Wechselkurs, der die Devisenreserven aufgezehrt und eine große Lücke zum Parallelmarkt geöffnet habe.
Für Zuzügler sind vor allem vier Zusagen aus dem Memorandum wichtig:
Die Liste zeigt, warum sich der Kurs noch bewegt: Ein Teil der Anpassung, vor allem beim Treibstoff, steht erst noch bevor. Wenn die Subventionen fallen, steigen Transportkosten und mit ihnen viele Preise im Land.
Was das für dich als Auswanderer bedeutet
Wenn du Einkommen aus dem Ausland beziehst
Rente, Mieteinnahmen oder Kapitalerträge in Euro, Franken oder Dollar sind in Bolivianos seit Juni deutlich mehr wert. Wer 2.000 US-Dollar im Monat tauscht, bekam dafür beim alten Kurs rund 13.700 Bolivianos, zum Kurs vom 2. Oktober rund 23.800. Ein Gewinn an Kaufkraft ist das aber nur, solange die Preise im Land nicht im selben Tempo steigen. Importierte Waren, Treibstoff und alles, was in Dollar kalkuliert wird, verteuern sich in Bolivianos zwangsläufig. Welcher Teil des Kursgewinns am Ende bei dir ankommt, hängt davon ab, wie viel deines Warenkorbs importiert ist.
Was die Preise bisher zeigen
Die ersten amtlichen Zahlen zeigen, dass die Verbraucherpreise dem Kurs bislang nicht gefolgt sind. Laut dem Statistikamt INE fiel der Verbraucherpreisindex im Juli 2026 um 2,79 Prozent gegenüber Juni. Das Amt erklärt den Rückgang vor allem damit, dass sich nach dem Ende der Straßenblockaden im Mai und Juni die Versorgung mit Lebensmitteln wie Rind- und Hühnerfleisch, Zwiebeln und Bananen normalisierte. Im August stiegen die Verbraucherpreise um 1,10 Prozent, die Teuerung über zwölf Monate lag bei 5,02 Prozent. In Santa Cruz betrug der Anstieg im August 1,25 Prozent, in La Paz 1,12 Prozent.
Ein früheres Signal liefert der Großhandel. Der Großhandelspreisindex stieg im August um 2,07 Prozent, importierte Waren verteuerten sich dort um 3,76 Prozent. Das INE betont, dass allein der Verbraucherpreisindex die offizielle Inflation misst. Für deine Planung heißt das trotzdem: Was im Großhandel teurer wird, kommt mit Verzögerung im Laden an. Dass die Regierung selbst für das Jahresende mit 14 Prozent Inflation rechnet, spricht dafür, den heutigen Kursvorteil nicht voll in dein Budget einzuplanen.
Ein Punkt, der früher viele Zuzügler Nerven kostete, ist durch die Reform zumindest formal gelöst: Der offizielle Kurs ist jetzt der Marktkurs. Wer über eine Bank tauscht, bekommt den Kurs, zu dem Banken tatsächlich Dollar ankaufen, und die Verkaufsseite ist nach oben gedeckelt.
Wenn du Verträge abschließt
Achte bei Miet- und Kaufverträgen jetzt noch genauer darauf, in welcher Währung ein Betrag vereinbart ist und welcher Kurs für eine Umrechnung gilt. Ein Mietvertrag in Bolivianos schützt dich als Mieter mit Dollar-Einkommen, ein Vertrag in Dollar schützt den Vermieter. Bei Verträgen, die „zum offiziellen Kurs" umrechnen, ist seit Juni eine tägliche Marktgröße gemeint und nicht mehr 6,96.
Für Rechnungen hat die Steuerverwaltung das bereits geregelt. Nach einer Mitteilung des Servicio de Impuestos Nacionales vom 17. Juli 2026 muss jede mehrwertsteuerpflichtige Rechnung über Geschäfte in Fremdwährung den am Tag des Geschäfts geltenden offiziellen Kurs der Zentralbank ausweisen.
Wenn du über einen Immobilienkauf nachdenkst
Ein billigerer Boliviano macht Immobilien, die in der Landeswährung bepreist sind, für Käufer mit Devisen rechnerisch günstiger. Ob Verkäufer ihre Preise anpassen oder schon in Dollar denken, ist eine Frage des einzelnen Marktes. Wichtiger ist die Grundregel: Kaufe nicht wegen eines Kurses, der sich innerhalb eines Monats um zweieinhalb Bolivianos bewegen kann. Was du als Ausländer beim Immobilienkauf in der Region generell beachten solltest, fasst unser Beitrag zum Immobilienkauf in Lateinamerika zusammen.
Wenn du Geld ins Land bringst
Die sinnvollste Strategie in einer Phase schwankender Kurse ist unspektakulär: nicht alles auf einmal tauschen. Halte deine Reserven in einer stabilen Währung außerhalb oder innerhalb des Landes und tausche in Bolivianos, was du für die nächsten Wochen brauchst. Bevor du größere Beträge auf ein bolivianisches Dollarkonto legst, frag die Bank, welche Abhebungsgrenzen für Fremdwährungseinlagen gerade gelten. Dass es solche Grenzen gibt, bestätigt das Memorandum der Regierung selbst. Worauf es bei der Kontoeröffnung in der Region ankommt, steht in unserem Beitrag zur Kontoeröffnung in Lateinamerika.
Einordnung: vom Festkurs zum Markt
Bolivien war lange eines der Länder der Region, in denen sich der offizielle Dollarkurs schlicht nicht bewegte. Mit der Reform gleicht das Land sich Nachbarn an, die mit schwankenden Währungen leben. Ein Kurs, der die tatsächlichen Geschäfte der Banken abbildet, ist transparenter als eine gesetzte Zahl. Kurzfristig bedeutet er Unsicherheit, und die Ausschläge im September zeigen, wie groß sie noch ist.
Wer Planbarkeit über alles stellt, findet sie eher in Ländern, die den US-Dollar als Landeswährung nutzen. Warum das für Auswanderer ein echter Vorteil sein kann, erklärt unser Beitrag über die dollarisierten Länder Lateinamerikas. Wie sich die Lebenshaltungskosten zwischen den Ländern unterscheiden, zeigt der Kostenvergleich für zwölf Länder. Beide Vergleiche beruhen auf Daten vor dem Kurswechsel in Bolivien, für bolivianische Preise in Euro gilt deshalb der aktuelle Kurs.
Der Blick aus der Heimat
Der Wechselkurs ändert nichts an deinen steuerlichen Pflichten im Heimatland. Er ändert aber, wie hoch Einkünfte in Bolivianos in Euro oder Franken umgerechnet ausfallen, wenn du sie zu Hause erklären musst. Wer in Bolivien Einkünfte in Landeswährung erzielt, sollte die Kurse der jeweiligen Zahlungstage dokumentieren.
Deutschland hat mit Bolivien ein Doppelbesteuerungsabkommen vom 30. September 1992, anwendbar ab 1991, wie die Übersicht des Bundesfinanzministeriums zeigt. Die Abkommenslisten der Finanzministerien Österreichs (DBA-Liste) und der Schweiz (Liste des SIF) führen dagegen kein Abkommen mit Bolivien. Für Leser aus diesen beiden Ländern ist die Frage, wo sie steuerlich ansässig sind, deshalb noch wichtiger.
Wie Bolivien Auslandseinkommen behandelt, welche Aufenthaltstitel es gibt und warum die Anwesenheitspflicht der eigentliche Haken ist, steht auf unserer Länderseite Bolivien.
Was sonst zum Alltag gehört
Die Währungsreform fällt in eine Zeit, in der Bolivien auch anderweitig Umstellungen erlebt. Das Auswärtige Amt weist in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen auf regionale soziale Unruhen, Straßenblockaden und eine zeitweise eingeschränkte Versorgung mit Benzin und Diesel hin. Die Regierung hat demnach am 20. Juni 2026 den nationalen Ausnahmezustand ausgerufen, der voraussichtlich bis zum 17. Dezember 2026 gilt und den Sicherheitskräften besondere Befugnisse gibt, vor allem zur Räumung von Straßensperren. Von Reisen in die Region Chapare im Departamento Cochabamba rät das Amt dringend ab. Für Auswanderer, die Termine und Reisen planen, gehört das genauso zur Rechnung wie der Wechselkurs.
Was du jetzt konkret tun kannst
Wenn du schon in Bolivien lebst: Prüfe deine Verträge auf Währung und Umrechnungsklauseln, tausche in kleineren Tranchen und verfolge den Kurs direkt auf der Website der Zentralbank, die ihn jeden Werktag ab 20 Uhr veröffentlicht.
Wenn du den Umzug planst: Rechne dein Budget mit einer Spanne statt mit einem Punktwert. Der Unterschied zwischen 10 und 12,5 Bolivianos je Dollar entscheidet darüber, ob eine Miete günstig oder durchschnittlich ist. Und lege fest, welchen Teil deines Vermögens du überhaupt in Bolivianos halten willst.
Wenn du investieren willst: Warte ab, bis sich der Kurs über mehrere Monate stabilisiert hat, oder vereinbare Preise in einer Währung, in der du rechnest. Eine Reform dieser Größenordnung braucht Zeit, bis Preise, Löhne und Mieten sich eingependelt haben.
Die Freigabe des Boliviano macht das Land für Zuzügler mit Devisen auf dem Papier günstiger. Wie viel davon im Alltag bleibt, entscheidet sich in den nächsten Monaten, wenn sich zeigt, ob die Zentralbank den Kurs beruhigen kann.

