Im April 2026 veröffentlichte die Interamerikanische Menschenrechtskommission einen Bericht, in dem sie Paraguay bescheinigte, der Staat sei von Drogenhändlern gekapert worden. Der eigene Innenminister hat die Unterwanderung des Staates eingeräumt. Das klingt nach einem Land, in das kein vernünftiger Mensch zieht.
Und doch lebt sich Paraguay im Alltag sicherer als viele deutsche Großstädte. Beides ist wahr, und genau dieser Widerspruch ist der Schlüssel, um die Sicherheit in Paraguay zu verstehen. Ich bin regelmäßig vor Ort, ich kenne die Straßen, in denen man abends entspannt joggt, und die Namen der Toten aus den Schlagzeilen. Lass mich dir das ehrlich auseinandernehmen, ohne Panik und ohne Schönfärberei.
Der Alltag, der 90 Prozent deines Lebens ausmacht
Fangen wir mit den harten Zahlen an, nicht mit dem Bauchgefühl. Im Global Peace Index liegt Paraguay auf Platz 4 in Südamerika, nur hinter Argentinien, Uruguay und Chile. Die Mordrate ist 2025 auf rund 6,1 pro 100.000 gesunken, ein Rückgang um 18,6 Prozent, und liegt damit nahe am Niveau der USA. Der Konfliktforschungsdienst ACLED stuft das Konfliktniveau als gering bis inaktiv ein. Für den normalen Auswanderer heißt das: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer schwerer Gewalt zu werden, ist gering.
In Asunción entscheidet, wie überall, das Viertel. In den gepflegten Gegenden wie Villa Morra, Carmelitas, Recoleta, Las Mercedes und Manorá kannst du abends spazieren, joggen oder mit dem Hund raus, und viele Expats fühlen sich dort sicherer als in mancher deutschen Stadt nach 22 Uhr. Die größte reale Alltagsgefahr ist nicht der Mord, sondern der Motochorro: der Dieb auf dem Motorrad, der im Vorbeifahren nach Handy, Tasche oder Kette greift. Kein Handy offen auf belebter Straße, keine auffälligen Uhren, das Nötigste an Bargeld, und dieses Risiko sinkt drastisch.
Die Viertel und Orte, die du meidest
Zur Ehrlichkeit gehört die andere Seite. In Asunción meidest du die Bañados, die armen Überschwemmungsviertel am Fluss, dazu Chacarita (Ricardo Brugada), Zeballos Cué und Teile von Fernando de la Mora. Dort treffen Armut und Drogenkriminalität zusammen, und als offensichtlicher Gringo bist du ein leichtes Ziel.
Die eigentliche Ausnahme aber sind die Grenzstädte zu Brasilien: Pedro Juan Caballero, Ciudad del Este und Salto del Guairá. Das ist der Drogenkorridor des Landes, und dort gilt eine andere Realität. Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Drogenkartellen im Grenzgebiet und rät zu besonderer Vorsicht in Pedro Juan Caballero. Die meisten Expats meiden diese Zone komplett, und das ist der richtige Instinkt.
Die organisierte Kriminalität, die das Land prägt
Jetzt der große, unbequeme Teil, den die Hochglanz-Auswandervideos komplett verschweigen. Paraguay ist im Global Organised Crime Index binnen weniger Jahre auf Platz 4 von 193 Staaten aufgestiegen, auf einer Stufe mit Kolumbien und Mexiko, angeführt nur von Ländern wie Myanmar. 2021 war das Land nicht einmal unter den Top 15. Der Grund: Paraguay ist Südamerikas größter Marihuana-Produzent, rund um Pedro Juan Caballero, und zu einem zentralen Kokain-Verteiler geworden, obwohl es selbst kein Kokain produziert. Brasilianische Banden wie das PCC und das Comando Vermelho, der lokale Clan Rotela, dazu die kalabrische 'Ndrangheta und kolumbianische Gruppen kämpfen um diesen Handel.
Wie tief das reicht, zeigen die Namen der Toten. Marcelo Pecci, Paraguays oberster Staatsanwalt für organisierte Kriminalität, wurde im Mai 2022 auf seiner Hochzeitsreise in Kolumbien ermordet. José Carlos Acevedo, der Bürgermeister von Pedro Juan Caballero, wurde im selben Jahr erschossen. Der Abgeordnete Eulalio „Lalo" Gómez starb 2024 bei einer Polizeirazzia wegen Geldwäscheverdacht. Und für Journalisten ist die Grenzregion so tödlich, dass mehrere Reporter dort mit dem Leben bezahlt haben, unter ihnen der Brasilianer Léo Veras 2020. Dazu operiert im Norden, in San Pedro und Concepción, die Guerilla-Organisation EPP, die vor allem Polizei und Militär angreift.
Ich sage dir das nicht, um dir Angst zu machen. Ich sage es, weil dieselben Berater, die dir Paraguay als reines Paradies verkaufen, dir dieses halbe Land verschweigen. Die Gewalt bleibt fast immer innerhalb der kriminellen Netzwerke und an den Grenzen, der Auswanderer in Villa Morra bekommt davon direkt selten etwas mit. Aber sie prägt das Land, die Institutionen und die Frage, wem du vertraust.
Die Korruption, die dich wirklich betrifft
Und damit zum Punkt, der deinen Alltag berührt: die Korruption. Sie ist in Paraguay, ehrlich gesagt, allgegenwärtig. Die harmlose Variante lernst du schnell kennen, die coima, das Schmiergeld. Das Auswärtige Amt warnt konkret davor, dass Polizisten Touristen im Mietwagen wegen angeblicher Verkehrsdelikte anhalten und Bußgelder ohne Quittung verlangen. Zahl nicht, wenn du nichts getan hast, notier Dienstnummer und Kennzeichen, ruf im Zweifel den Notruf 911.
Die gefährliche Variante triffst du, wenn es ernst wird, etwa im Streit um eine Immobilie. Die Durchsetzung von Rechtsansprüchen vor paraguayischen Gerichten ist, mit den Worten der deutschen Botschaft, mühsam und selten erfolgreich, und Kenner beschreiben, wie im Streitfall Geschenke an Anwälte, Staatsanwälte und Richter fließen. Dass die Justiz unterwandert ist, bestätigt die eingangs zitierte Menschenrechtskommission. Für dich heißt das ganz praktisch: Bleib bei allem, was du tust, auf sauberen, dokumentierten Wegen, arbeite mit seriösen, unabhängigen Beratern, und meide jede Grauzone. Dein bester Schutz ist, gar nicht erst in eine Lage zu geraten, in der du ein paraguayisches Gericht brauchst.
Die Naturgefahren sind das kleinste Problem
Ein versöhnlicher Teil. Naturräumlich ist Paraguay gutmütig: keine Erdbeben, keine Vulkane, keine Wirbelstürme. Das reale Thema ist die Regenzeit von November bis April mit Überschwemmungen und unpassierbaren Straßen, vor allem in der Chaco-Region, dazu die extreme Hitze im Chaco. Das sind planbare Größen. Wer seinen Wohnort mit Blick auf die Hochwasserlage wählt, hat die Naturseite im Griff.
Was das praktisch heißt
Fassen wir es in Handlungen, denn genau darum geht es. Wähle dein Viertel bewusst: Villa Morra, Carmelitas und ihresgleichen, nicht die Bañados. Meide die Grenzstädte Pedro Juan Caballero, Ciudad del Este und Salto del Guairá, es sei denn, du hast dort konkret zu tun. Schütz dich vor den Motochorros mit den simplen Alltagsregeln. Und, am wichtigsten, bleib bei Behörden, Geschäften und Immobilien auf sauberen Wegen mit unabhängigen Beratern, denn die Korruption ist die Gefahr, die den ehrlichen Auswanderer am ehesten trifft. Wer das beherzigt, für den ist Paraguay im Alltag genau das ruhige, entspannte Land, das viele suchen.
Genau diese Standort- und Beraterfragen, und die saubere Struktur, die dich aus dem Einflussbereich der Grauzonen hält, plane ich mit meinen Mandanten, bevor sie entscheiden.
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Carpe Diem. Das Leben ist kurz und vergänglich. Ein Schuss. Mach was draus.

