Freiburg wurde 1120 gegründet, das Marktrecht war verbrieft, und der Name sagt eigentlich alles: die freie Burg, die freie Stadt. Wer damals in eine solche Stadt zog, kaufte sich in eine andere Rechtsordnung ein als die, die draußen auf dem Land galt. Das ist ziemlich genau das, was heute unter dem Stichwort freie Privatstadt verkauft wird.
Deshalb reagiere ich auf das Thema anders als die meisten. Ich finde die Idee nicht absurd. Sie hat historisch funktioniert. Titus Gebel, der die Idee in ihrer heutigen Form formuliert hat, war bei uns im Podcast, und er ist kein Spinner: promovierter Jurist, Gründer der börsennotierten Deutsche Rohstoff AG, seit Jahren Vorsitzender der Free Cities Foundation. Sein Buch ist sauber argumentiert.
Und trotzdem komme ich bei jeder Prüfung an derselben Stelle heraus. Nicht bei der Idee. Bei ihrer Umsetzung.
Was eine freie Privatstadt sein soll
Das Modell ist schnell erklärt. Ein privates Unternehmen betreibt ein abgegrenztes Gebiet als Regierungsdienstleister. Es liefert Sicherheit, Infrastruktur, ein Rechts- und Regulierungssystem und eine unabhängige Streitschlichtung. Du zahlst dafür eine vertraglich festgeschriebene Gebühr, keine Steuer nach politischem Ermessen. Dein Verhältnis zum Betreiber ist ein Vertrag, kein Untertanenverhältnis. Gefällt es dir nicht, gehst du.
Der Reiz für unsere Leser liegt auf der Hand. Kein Wahlkampf, in dem über dein Vermögen abgestimmt wird. Keine Regelung, die nächstes Jahr anders ist, weil eine Koalition sich neu sortiert hat. Ein Preis, der im Vertrag steht.
Das ist die Theorie. Jetzt der einzige Ort, an dem sie ernsthaft gebaut wurde.
Der Testfall heißt Honduras
Honduras hat 2013 seine Verfassung geändert und Sonderzonen erlaubt, die eigenes Recht, eigene Gerichte, eigene Steuern und eigene Verwaltung haben. Drei sind daraus entstanden: Próspera, Ciudad Morazán und Orquídea.
Próspera auf der Insel Roatán ist das Aushängeschild. Eigene Register, eine eigene Finanzaufsicht, 10 Prozent Einkommensteuer, Unternehmensgründung online in wenigen Minuten, Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Regelwerken. Der Betreiber nennt über 1.700 registrierte Einwohner aus mehr als 40 Ländern. Hinter dem Projekt stehen Peter Thiel und Marc Andreessen über den Fonds Pronomos, seit Januar 2025 auch der Wagniskapitalarm von Coinbase.
Ciudad Morazán ist etwas völlig anderes und wird in der Debatte fast immer übersehen. Es liegt auf dem Festland bei Choloma, richtet sich an honduranische Industriearbeiter und war für 9.000 Bewohner geplant. Gebels stärkstes Gegenargument gegen den Vorwurf, das Ganze sei ein Spielplatz für Reiche, hängt an diesem Projekt: In Morazán sind praktisch alle Bewohner ganz normale, oft arme Honduraner, und in Próspera zahlt ein Honduraner eine Jahresgebühr im niedrigen dreistelligen Dollarbereich. Das ist ein fairer Punkt, und er stimmt.
Nur ist Morazán klein geblieben. 2023 lebten dort rund 200 Menschen.
Warum das Modell genau dort bricht, wo man es braucht
Jetzt kommt der Teil, an dem sich alles entscheidet.
2022 hat der honduranische Kongress das Gesetz für diese Sonderzonen aufgehoben. Im September 2024 hat das Oberste Gericht die rechtlichen Grundlagen für verfassungswidrig erklärt, und zwar rückwirkend, so als hätten sie nie gegolten. Próspera hat trotzdem weitergemacht, beruft sich auf eine Zusage von 50 Jahren Rechtsstabilität und verklagt Honduras auf 10,775 Milliarden US-Dollar. Das ist ungefähr ein Drittel der Wirtschaftsleistung des Landes.
Dann drehte sich die Politik wieder. Seit dem 27. Januar 2026 regiert Nasry Asfura, aus derselben Partei, die die Zonen einst geschaffen hat. Im März 2026 hat Honduras die Konvention des internationalen Schiedsgerichtszentrums wieder unterzeichnet, aus dem die Vorgängerregierung ausgetreten war, und ist nach hinterlegter Ratifikation ab dem 16. August 2026 wieder Mitglied. Próspera hat sein Gebiet auf etwa 4 Prozent der Inselfläche von Roatán ausgeweitet und plant Anlagen auf dem Festland. Am 5. August 2026 hat das staatliche Fernsehen über zwei Stunden lang für das Projekt geworben.
Zusammengefasst: Die Zone ist faktisch in Betrieb und wächst. Rechtlich ist ihre Grundlage null und nichtig. Der Unterschied zwischen beidem ist eine Wahl.
Und das ist der Punkt, an dem mir Freiburg wieder einfällt. Die mittelalterliche freie Stadt hatte auch eine Urkunde. Aber gehalten hat nicht die Urkunde. Gehalten haben die Stadtmauer, das Geld der Kaufleute, die eigene Bürgerwehr und ein Kaiser, der die Städte dringender brauchte als sie ihn. Die Freiheit stand auf einem Kräftegleichgewicht, das Dokument war nur die Quittung darauf.
Die modernen freien Privatstädte haben die Quittung und nichts von dem Gleichgewicht. Ihre Autonomie ist ein Zugeständnis genau jenes Staates, dessen Versagen sie umgehen sollen. Deshalb ist das Modell strukturell dort am schwächsten, wo es am dringendsten gebraucht wird: in Ländern mit schwachen Institutionen. Ein Land mit stabilen Institutionen braucht keine Privatstadt. Ein Land, das eine braucht, kann sie nicht garantieren.
Die Antwort von Próspera auf einen feindseligen Staat ist ein Schiedsverfahren in Washington. Das schützt möglicherweise das Kapital der Investoren. Die Stadt schützt es nicht.
Ein Detail, das mehr sagt als jede Broschüre
In der Selbstdarstellung des Krypto-Ökosystems in Próspera steht ein Satz, den man leicht überliest. Weil honduranische Banken sich wegen des politischen Drucks aus der Zone zurückgezogen haben, blieb den Bewohnern die Wahl zwischen umständlichen Auslandsbanken und Krypto. Deshalb ist die Zone so krypto-affin geworden.
Das wird als Innovation verkauft. Es ist ein Befund. Eine Zone, die im eigenen Gastland nicht normal Bankgeschäfte machen kann, hat kein Zahlungssystem der Zukunft, sondern einen Ausweichmechanismus.
Bitcoin City: die Stadt, die nie gebaut wurde
El Salvador hat 2021 eine geothermisch betriebene Bitcoin City am Fuß des Vulkans Conchagua angekündigt, finanziert über Anleihen. Gebaut wurde sie nicht. Bitcoin hat Anfang 2025 im Zuge einer Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds den Status als gesetzliches Zahlungsmittel wieder verloren.
Was tatsächlich entstanden ist, ist deutlich unspektakulärer und für unsere Mandanten deutlich brauchbarer: ein regulierter Rahmen für digitale Vermögenswerte mit einer eigenen Aufsichtsbehörde und ohne Kapitalertragsteuer auf Kryptogewinne. Die Stadt war die Schlagzeile. Das Regelwerk ist das Produkt. Mehr dazu in unserem Leitfaden Auswandern nach El Salvador und auf unserer Länderseite zu El Salvador.
CryptoCity auf Isla Margarita
Das dritte Projekt ist das, nach dem uns aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am häufigsten gefragt wird, weil es sich gezielt an Unternehmer aus diesen drei Ländern richtet.
CryptoCity ist ein privates Bauprojekt auf der venezolanischen Insel Margarita, initiiert von Tim Stern. Der Spatenstich war im März 2024. Angekündigt sind 300 Grundstücke auf 40 Hektar, verwaltet über eine dezentrale Organisation, in der die beim Grundstückskauf ausgegebenen Token als Stimmrechte dienen. Über diese Struktur sollen die Bewohner gemeinsam in Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen investieren. Das Projektvolumen wird mit rund 30 Millionen Euro angegeben, die Wohnbebauung für Ende 2027. Frühere Berichterstattung sprach von 100 Grundstücken.
Zwei Dinge daran gehören nüchtern eingeordnet, und beide sind überprüfbar.
Erstens die Sonderwirtschaftszone. Das Projekt weist darauf hin, dass der Standort seit kurzem in einer Sonderwirtschaftszone liegt. Das stimmt. Diese Zone wurde im November 2023 per Dekret geschaffen, sie umfasst alle elf Gemeinden des Bundesstaates Nueva Esparta plus die Insel Coche, also praktisch die gesamte Insel und nicht dieses Grundstück, und sie wird von einer einzigen, aus Caracas eingesetzten Behörde geführt. Die venezolanisch-amerikanische Handelskammer weist in ihrer steuerrechtlichen Analyse des zugrunde liegenden Gesetzes ausdrücklich darauf hin, dass es keinerlei Steuervergünstigung gewährt: keine Befreiung, keinen reduzierten Satz, keine Gutschrift. Mit einer honduranischen Sonderzone hat das nichts gemeinsam. Es gibt kein eigenes Recht, keine eigenen Gerichte, kein eigenes Steuersystem. Venezolanisches Recht gilt vollständig.
Zweitens der Token. Was auf der Blockchain liegt, ist eine Mitgliedschaft in der Organisation. Eigentum an einem Grundstück in Venezuela entsteht durch Eintragung im venezolanischen Immobilienregister und sonst nirgends.
Dazu kommt das Land selbst. Im Januar 2026 haben US-Streitkräfte in Venezuela eingegriffen, Nicolás Maduro wurde festgenommen und außer Landes gebracht, seither führt seine bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Amtsgeschäfte. Das ist keine abgeschlossene Transition, sondern ein offener Zustand. Wer dort ein Grundstück kauft, kauft eine Wette auf einen politischen Ausgang, den derzeit niemand kennt.
Ein Punkt noch, den ich nicht auf dieses Projekt münze, sondern auf die Kategorie: Eine öffentlich beworbene, geografisch konzentrierte Gruppe vermögender Ausländer, von denen bekannt ist, dass sie Kryptowerte selbst verwahren, ist in einer Region mit funktionierendem Entführungsgewerbe ein Sicherheitsproblem eigener Art. Wer in so ein Projekt geht, sollte das eingepreist haben.
Das Projekt selbst findest du unter cryptocity.land, die Zielgruppe ist offen benannt, und jeder kann sich die Unterlagen selbst ansehen.
Was du prüfen müsstest, bevor du irgendwo kaufst
Das gilt für alle drei Projekte und für jedes, das noch kommt.
Wenn ein Projekt alle sechs Punkte sauber beantwortet, ist es ein gutes Projekt. Dann steht das auch so da. Diese Fragen sind kein Angriff, sie sind das Minimum, das du bei jedem Immobilienkauf im Ausland stellst.
Die unspektakuläre Alternative
Was fast alle übersehen: Das, was die freie Privatstadt verspricht, gibt es in Lateinamerika längst zu kaufen. Nur eben nicht als Erzählung.
Territoriale Besteuerung, also keine Steuer auf Auslandseinkünfte, hast du in Panama, Paraguay und Costa Rica. Eine ruhige, kalkulierbare Rechtsordnung mit europäischem Charakter bekommst du in Uruguay. Alle vier haben Gerichte, die es 2035 noch geben wird, Banken, die Überweisungen aus Europa annehmen, und Grundbücher, in denen dein Name steht. Wie das in der Praxis aussieht, steht im Paraguay-Guide und im Uruguay-Realitätscheck.
Und es lohnt sich, das noch einmal zu sagen: Titus Gebel, der die Idee der konkurrierenden Privatstadt am klarsten formuliert hat, lebt in Monaco. Das ist kein Widerspruch und keine Heuchelei. Es ist die Antwort. Eine kleine, funktionierende Jurisdiktion, die es bereits gibt, schlägt eine versprochene.
Wenn du dir die Idee trotzdem selbst ansehen willst, tu es. Fahr hin, sieh es dir an, sprich mit Leuten, die dort wohnen. Ich halte die Bewegung für intellektuell ernsthafter, als ihre Kritiker zugeben. Nur würde ich meinen Wohnsitz, mein Vermögen und meine Familie nicht auf ein Rechtsversprechen setzen, dessen Grundlage ein Verfassungsgericht bereits kassiert hat.
Wenn du wissen willst, welches lateinamerikanische Land für deine Situation tatsächlich in Frage kommt, sprich mit uns. Wir bauen das seit Jahren für Mandanten aus dem deutschsprachigen Raum, und wir sagen dir auch, wenn die Antwort lautet: keins davon.

